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Polyamory ist kein Kunststoff!

Erlebnisbericht über die Polyamory Konferenz in Hamburg November 2005
von Ansgar „gnilpfz“ aus Oldenburg

“Was machst du am Wochenende?” “Ich fahre nach Hamburg” “Ah, Auf die Reeperbahn, dich mal so richtig amüsieren, was? Kannst du ruhig ist zugeben, ist doch nichts dabei, ich war neulich auch mal da. In einem Laden da war eine, die konnte sogar mit ihrem Bauchnabel…” “Ich geh nicht auf die Reeperbahn, ich besuche eine Konferenz über Polyamory” “Ach, du bist jetzt in der Kunststoffbranche? Aber abends geht ihr doch bestimmt auf die Piste? Also jedenfalls diese Tussi, die hat mir mit ihrem Bauchnabel doch tatsächlich so richtig…” “Moment! Polyamory ist kein Kunststoff. Sondern dabei geht es darum, mit mehr als einem Menschen intime Beziehungen zu haben, und zwar offen und einvernehmlich mit allen Beteiligten” “Also du bist mir einer, das hätte ich nicht von dir gedacht, das ist ja pervers! Kannst du dich denn nicht wie ein anständiger Mensch amüsieren?”

Vielleicht hat ja der eine oder die andere solche oder ähnliche Gespräche im Vorfeld der Konferenz erlebt. Ich selbst allerdings nicht in dieser etwas überspitzten Form. Genau genommen habe ich diesen Dialog sogar völlig frei erfunden.

Aber er karikiert ganz gut gewisse Haltungen und Reaktionen, die vielen Polys bekannt vorkommen dürften und die ich selbst zunehmend als ermüdend und nervtötend empfinde. Aber jetzt bot sich die Möglichkeit, endlich einer von vielen Polys zu sein, nicht mehr ein Exot. Keine Erklärungen und Rechtfertigungen mehr, keine Beschimpfungen und voyeuristische Neugier (in dieser Reihenfolge von denselben Personen) mehr, jedenfalls für ein Wochenende. (Nebenbei bemerkt finde ich das Gefühl, als Poly allein zu sein, nicht nur wegen der Einsamkeit von übel, sondern fast noch mehr wegen des bohrenden Gefühls, dass ein einsamer Poly ein ironischer, ja grotesker Widerspruch in und zu sich selbst ist…) Mein Entschluß stand fest, sowie ich auf der Liste zum ersten Mal von der Konferenz gelesen hatte. Also: Auf nach Hamburch!

Leider fing ich mir in der Woche vor der Konferenz irgendwas ein, das in meinem Magen massenhaft ungültige Anwendungen und Fehlermeldungen produzierte, worauf dieser sich immer wieder selbsttätig herunterfuhr. So hatte ich auf der Bahnfahrt wenig im Magen aber im Kopf eine Menge Vorfreude und Neugier. Bei der Registrierung gabs denn auch gleich die ersten überraschungen:

  1. Danusch ist ein Mann. Aus irgendeinem Grund hatte ich gedacht es sei ein Frauenname (Mit meinem Namen geht es allerdings auch vielen so, insbesondere südlich des Ruhrgebiets). Im übrigen zeigte sich schnell, dass er als der ultimative Organisator alles fest im Griff hatte und irgendwie immer an mehreren Stellen gleichzeitig war (vielleicht ist Polytalent statt Multitalent der richtige Ausdruck…)
  2. Roman sieht ganz anders aus als ich ihn mir vorgestellt hatte. Bis dahin war er vor meinem geistigen Auge ein eher kleiner, etwas dicker, leicht technokratischer Brillenträger, es muss irgendwie mit seiner Diktion auf der Liste zu tun gehabt haben.
  3. Die Atmosphäre war von Anfang an sehr angenehm und freundlich, fast familiär, was vielleicht mit der überschaubarkeit der Konferenz zu tun hatte.

Mein Eindruck von der Zusammensetzung der Besucher war, dass sie sich grob in drei Gruppen einteilen ließen: Listis, Polys und Studis (wobei einige sicherlich unter mehrere Kategorien fielen). Meine Erwartungen bezüglich der Vorträge waren durchmischt gewesen: Theorie und Praxis klang interessant, Disskursanalysen sind aber absolut nicht meine Sache. Deshalb wollte ich mir die Vorträge am Freitag lieber anhören als die am Samstag.

Am meisten beeindruckt haben mich Dossie Easton und Kassia Wosick-Correa. Inhaltlich war bei dem, was sie sagten, wenig dabei, was man sich nicht schon selbst mal gedacht hätte, aber (nennt mich ein autoritätshöriges Weichei:) es fühlt sich doch gut an, das mal von Leuten zu hören, “die sich mit sowas auskennen”. Ein paar Einzelheiten möchte ich allerdings hervorheben, weil sie mich zum denken angeregt haben, bzw. ich sie sehr einleuchtend fand: Bei Dossie Easton der Hinweis auf Wilhelm Reich und dessen Thesen zum Zusammenhang zwischen sexueller Unwissenheit und der Errichtung totalitärer Herrschaft und noch mehr Dossies These, wonach wir zumeist aus einem Mangel- oder Hungerzustand (was Liebe, Zuwendung , Sex, ect. angeht) heraus an Beziehungen herangehen und vielleicht deshalb oft zu zwanghaftem Besitzdenken neigen. Seit ihrem Vortrag frage ich mich immer wieder mal, was denn dafür die Ursachen sein könnten, ob es vielleicht kein Zufall ist, sondern in irgendwelchen Interessen liegt und ob dieser Mangelzustand auch auf gesellschaftlicher Ebene zu beheben ist… . Davon abgesehen ist Dossie einfach ein lebendes Kulturdenkmal der Flowerpower Zeit und der Beweis dafür, dass man auch noch als nicht mehr ganz junger Mensch (sie könnte meine Mutter sein) cool drauf sein kann (was eine gewisse Beruhigung im Hinblick auf das eigene Altern verspricht).

Kassia Wosick- Correa hat mir noch mal sehr klar vor Augen geführt, was einer der Hauptunterschiede zwischen “uns” und “den Monos” ist. Bei Polys werden die Regeln der Beziehungen zumeist bewußt und nach individuellen Bedürfnissen ausgehandelt, bei Monos hingegen vielfach unreflektiert von außen (von der Gesellschaft oder der Tradition) übernommen.

Marianne Pieper und Robin Bauer waren es, wenn ich es richtig erinnere, die den Begriff “Mononormativität” erfunden haben. Dafür gebührt ihnen ewiger Ruhm, haben sie uns doch mit einer verbalen Keule bewaffnet, die wir von jetzt an gegen nervige Monos schwingen können: “Bleib mir vom Hals mit deinem mononormativen Gekeife!” Ha! Das wird sie zum Schweigen bringen (wenn auch nicht zur Einsicht).

Sehr witzig fand ich den Hinweis von Volker Woltersdorff auf die Parallelen zwischen Polyamory und Neoliberalismus. Auch da tun sich neue Möglichkeiten auf, in der Disskussion aufzutrumpfen: “Tja Schatz, wenn wir unsere Partnerschaft nicht deregulieren und du nicht flexibler wirst, sehe ich schwarz für diesen Beziehungsstandort…” (Vielleicht habt ihr schon gemerkt, dass ich für mein Leben gern gelegentlich Unsinn von mir gebe).

Das Buffet am Freitag abend soll ja sehr gut gewesen sein, wie mir vollmundig(!) versichert wurde und gern hätte ich mich dort bedient, lies es aber wegen meines Magens sein und konnte auch nicht so lange bleiben, wie ich gewollt hätte. Denn es war sehr interessant und nett, mit den Leuten, die man nur von ihren Texten auf der Liste her kennt, zu reden. Deshalb war ich von Hamburg auch restlos begeistert, obwohl ich schon am nächsten Vormittag zurückfuhr, da ich noch immer etwas schlapp war. Fazit: Ich fühle mich als Poly bestätigt und motiviert und auch nicht mehr allein. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei.

treffen/polyamory_ist_kein_kunststoff.txt · Zuletzt geändert: 22.03.2008 12:04 (Externe Bearbeitung)

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