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Polyamory? What, like, two girlfriends?

Englischer Originaltext: © by Franklin Veaux http://www.xeromag.com/fvpoly.html
Übersetzung aus dem Englischen: http://www.thelanguagecircle.ch/
PDF-Version zum Ausdrucken: polywhat.pdf

Was heisst „Polyamory“ eigentlich?

„Polyamory“ ist griechisch-lateinisch und bedeutet „viele Liebende.“ Eine polyamouröse Beziehung ist eine romantische Beziehung, in die mehr als zwei Personen involviert sind.

Du meinst 'Swinger'?

Nein. Swinger sind ausgerichtet auf unbeschwerten Sex, obwohl sich Freundschaften und engere Bindungen entwickeln können. Bei Polyamory liegt der Schwerpunkt auf engen, dauerhaften Beziehungen, doch Sex macht natürlich auch dort viel Spass.

Ach so, ich verstehe, was du meinst. Es geht darum, noch was nebenher laufen zu haben.

Nein. Auch das ist was anderes. Das nennt man „fremdgehen“.

Quatsch! Das ist doch genau dasselbe! Nein, ganz und gar nicht. Bei polyamourösen Beziehungen wissen alle Involvierten Bescheid und müssen mit der Beziehung des anderen einverstanden sein.

Nehmen wir an, du bist verheiratet und hast eine Freundin, von der deine Frau entweder nichts weiss oder aber vielleicht einen Verdacht hat oder aber sogar von der Freundin weiss, aber nicht glücklich über diese Tatsache ist, dann bist du nicht etwa poly, sondern ein Fremdgänger, so einfach ist das. Und wenn du's mit dem Milchmann treibst, während dein Mann nicht in der Stadt ist, dann gilt dasselbe: Du hintergehst deinen Mann, und mit polyamourös hat das rein gar nichts zu tun.

Polyamory zeichnet sich dadurch aus, dass alle Beteiligten informiert und einverstanden sind. Sonst ist die Beziehung nicht poly. Wenn man den Geliebten oder die Geliebte nicht zum gemeinsamen Weihnachtsfest mit der Familie einladen kann, weil man diese Beziehung vor der Familie verheimlichen will, dann ist auch das keinesfalls eine polyamouröse Beziehung.

Ach was, quatsch poly. Es geht hier doch um nichts anderes, als dass der Partner mindestens ein Auge fest zudrückt, damit du fremdgehen kannst.

Nein. Fremdgehen heisst die Regeln brechen. Wenn man die Regeln einer Beziehungen nicht bricht, handelt es sich auch nicht um Fremdgehen.

Die Regeln brauchen nicht einmal so klar und deutlich definiert zu sein, denn auch das Brechen von stillschweigenden Regeln ist nichts anderes als Fremdgehen. Sobald man etwas tut, das man dem Partner lieber verheimlichen würde oder von dem man weiss, dass es den Partner verletzen würde, dann ist das schlicht und einfach Betrügen.

Polyamory ist eine ganz andere Definition einer Beziehung. Polyamory entsteht aus der Tatsache heraus, dass Beziehungen kein Serienprodukt sind, mit dem jede/r in der vorgegebenen Form glücklich ist. In einer polyamourösen Beziehung…

Ja, ja, ist ja schon gut. Poly ist also für diejenigen, die sich nicht festlegen wollen!

Nein, das stimmt überhaupt nicht. Genau das Gegenteil trifft zu. Wenn sich jemand nicht zu einer Person bekennen will, dann schafft der- oder diejenige es auch ganz bestimmt nicht, sich zu zwei Personen zu bekennen!

Ich habe erlebt, dass Leute, die sich selbst als monogam bezeichnen, eine sogenannte „serielle Monogamie“ betreiben, d.h. sie hüpfen einfach vom einen Lover zum nächsten und behaupten, sie wären in jeder dieser Affären oder Beziehungen monogam. Klar geht man normalerweise nicht davon aus, dass eine Beziehung auf ewig hält, doch die seriellen Monogamisten betrachten ihre Partner als ersetzbar oder behandeln sie schlimmstenfalls als Ware, die man wegwerfen kann, sobald was Besseres des Weges kommt. Daher finde ich, dass Polyamory immer noch wesentlich moralischer ist als serielle Monogamie, denn jemand, der poly ist, will seinen Lover nicht los werden, nur weil eine neue interessante Person auftaucht. Diejenigen, die sich nicht festlegen oder zu jemandem bekennen wollen, zeichnen sich meiner Meinung nach durch serielle Monogamie aus, und nicht etwa durch Polyamory.

Aber wenn man jemanden liebt, dann will man doch niemand anders.

Das entspricht der allgemeinen Vorstellung, die sich aber im wirklichen Leben nicht durchsetzen kann.

Polyamory bedeutet in den Köpfen vieler Menschen, man sei unfähig, sich voll und ganz auf eine Person einzulassen. Das basiert auf der „Sparmodell-Idee“: Man glaubt, man habe nur eine bestimmte Menge an Liebe zur Verfügung, und wenn man seine Liebe einer bestimmten Person zuteil werden lässt, dann habe man nicht mehr genügend Liebe für eine zweite Person. Wenn man sich also in eine andere Person verliebt, muss man diesen Wechsel damit „bezahlen“, dass man seine Liebe der ersten Person entzieht.

Aber Liebe ist nicht gleich Geld. Man hat eine bestimmte Summe Geld, und wenn man davon einer Person was abgibt, bleibt weniger für die andere. Aber mit der wunderbaren Liebe verhält es sich anders: Sie taucht plötzlich auf und lässt sich nicht mit Intuition lenken. Wenn man mehr als eine Person liebt, merkt man schnell, dass die „Menge“ an Liebe, die man zu geben hat, wächst und wächst, je mehr man davon „abgibt“. Ja, man KANN sich tatsächlich voll und ganz auf mehr als eine Person einlassen, und es ist einfach überwältigend schön.

Man sollte den Inhalt seines Herzens nicht mit dem Inhalt seiner Brieftasche vergleichen; die Rechnung geht nicht auf. Also, wie ich bereits erwähnte, ist es in einer polyamourösen Beziehungen äusserst wichtig –- vielleicht sogar wichtiger als in einer monogamen Beziehung –- dass alle die Regeln der Beziehung kennen, verstehen und sich daran halten. Eine erfolgreiche Poly-Beziehung erfordert gegenseitiges Vertrauen und ein Gefühl der Sicherheit. Wenn man sich nicht an diese Regeln hält, kann man auch nicht erwarten, dass eine polyamouröse Beziehung funktioniert.

Regeln? Was für welche denn? Du willst doch einfach mit jemand anderem ins Bett, stimmt's?

Nein, so läuft das nicht.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Polyamory wie es verschiedene Menschen gibt. Es gibt nicht einen einzigen richtigen Weg, eine polyamouröse Beziehung zu führen. Aber eins ist sicher: Eine moralisch richtige Beziehung lässt sich nur mit Ehrlichkeit, Respekt und Feingefühl verwirklichen. Polyamory ist nicht etwa ein Freibrief, um es wie die Karnickel zu treiben!

Eine Poly-Beziehung dreht sich nicht nur um Sex; es geht darum, gleichzeitig eine romantische Beziehung mit mehr als einer Person aufzubauen.

Und: Ja, es gibt ein paar Regeln.

Tatsächlich? Und was für welche?

Nun, das hängt von der Beziehung ab.

Einige polyamouröse Beziehungen, sog. „Polyfidelity“-Beziehungen (Partnerschaften mit Verpflichtung zur Treue), sehen Regeln vor, die von denen einer traditionellen monogamen Partnerschaft kaum abweichen, ausser eben, dass mehr als zwei Personen involviert sind. Bei einem solchen Dreiergespann, bei dem sich die Partner Treue versprechen, kann entweder eine Person mit den anderen zwei eine sexuelle Beziehung haben - oder aber auch jeder mit jedem. Allerdings darf sich keiner der drei mit einem aussenstehenden Lover einlassen, ebenso wenig wie jemand, der in einer monogamen Partnerschaft lebt, sonst betrügt er seinen Partner, seine Partnerin. Wenn jemand in einer Poly-Beziehung fremdgeht, ist das wesentlich schlimmer als in einer monogamen – weil das Vertrauen nicht nur einer Person missbraucht wird.

In anderen Poly-Beziehungen wiederum mag es gestattet sein, sich unter bestimmten Bedingungen mit einem aussenstehenden Lover zu treffen - beispielsweise häufig dann, wenn jede an der Poly-Beziehung beteiligte Person vorher sein Einverständnis geben kann und nur dann, wenn die aussenstehende Person über die Art der Partnerschaft in Kenntnis gesetzt wird.

Auch die Beziehungen untereinander innerhalb einer polyamourösen Gemeinschaft können sehr kompliziert sein. Häufig gibt es ein „primäres“ Paar - beispielsweise Frau und Mann. Einer davon oder beide können aussenstehende Lover haben, aber die Beziehungen mit diesen Dritten sind dann „sekundär“, weil diese weniger am Alltagsleben eines Paares beteiligt sind als dies beispielsweise in einer Ehe der Fall ist.

Wichtige Anmerkung: Das bedeutet allerdings nichts, dass diese Beziehungen von zweitrangiger Bedeutung sind oder dass die Personen, die in einer sekundären Beziehung sind, weniger beitragen oder gar weniger wert sind. Es bedeutet lediglich, dass diese Partnerschaften unterschiedliche Zielsetzungen und Rahmenbedingungen haben als die primäre Beziehung.

Oder aber eine polyamouröse Beziehung kann auch aus einem echten Dreier- oder gar Vierergespann (oder mehr) bestehen, wo jede einzelne Beziehung gleich wichtig ist und wo es keine primären Paare gibt.

Soso. Und wer sagt das? Und überhaupt: Wer stellt diese Regeln auf?

Alle Beteiligten.

Bei Polyamory geht es nicht darum, dass man rummachen will und es einem dabei schnuppe ist, ob's dem Partner passt oder nicht.

Jeder Beteiligte darf erwarten, dass er bei den laufenden Partnerschaften ein Mitsprachrecht hat. Es leuchtet ein, dass Grenzen zu definieren sind, und es ist wichtig und nötig, dass Rahmenbedingungen abgemacht werden, welche die Gefühle aller direkt und indirekt an der Beziehung Beteiligten schützen.

Man muss klare, unverhüllte und unmissverständliche Bedingungen aushandeln, welche die Entwicklung einer Beziehung lenken und einen Rahmen schaffen helfen, innerhalb dessen die Bedürfnisse aller erfüllt und Gefühle nicht missachtet werden.

Es ist ebenso wichtig, dass jede Verletzung dieser Bedingungen eine sehr ernste Angelegenheit ist - und ebenso schlimm wie das Fremdgehen in einer traditionellen monogamen Beziehung! Nur mit Hilfe eines solchen Rahmens und der Bereitschaft aller Beteiligten, sich an dieses gemeinsam errichtete Regelwerk zu halten, kann die Art von Vertrauen entstehen, die in einer polyamourösen Beziehung unabdingbar ist. Ein Mangel an Vertrauen wird wahrscheinlich zum Unglücklichsein eines oder mehrerer Beteiligten führen.

Ist die „freie Liebe“ nicht schon in den Sechzigern ausgestorben?

Es hat sie überhaupt nie wirklich gegeben, nicht mal in den Sechzigern.

Aber das ist auch nicht wichtig, denn Polyamory ist nicht gleichbedeutend mit freier Liebe. Zwar haben die verschiedenen Typen von Polyamory alle eine eigene Dynamik, aber letztlich geht es darum, eine Beziehung aufzubauen, und nicht um Sex.

Nun, es geht natürlich auch um Sex. Wenn es nicht um Sex geht, dann hat man eine monogame Partnerschaft und eine paar Freunde. Tatsächlich unterscheidet sich eine polyamouröse Beziehung von einer monogamen Beziehung am ehesten dadurch, dass es auch um Sex mit anderen als nur mit dem einen Partner geht. Aber es ist wichtig einzusehen, dass es nicht NUR um Sex geht.

Und ausserdem ist die Idee von Polyamory nicht erst in den Sechzigern aufgekommen. Eigentlich gibt es sie schon seit Menschengedenken. Beispiele von nichtmonogamen Beziehungen finden sich seit jeher auf der ganzen Welt.

Okay, aber ist das nicht alles etwas sexistisch und frauenfeindlich, so eine Art fundamentalistisches Mormonentum?

Wenn sie Polyamory hören, denken viele zuerst an Polygamie, also an einen Mann, der mehrere Frauen hat, wie in einem Harem. In denjenigen Gesellschaften, wo Polygamie praktiziert wird, werden Frauen mehr oder weniger als Eigentum betrachtet. Und weil eben Polyamory irrtümlicherweise mit Polygamie gleichgesetzt wird, herrscht die allgemeine - natürlich ebenfalls falsche - Vorstellung, dass Polyamory Inbegriff für Respektlosigkeit gegenüber Frauen ist.

Aber Polyamory ist nicht Polygamie. Jeder und jede kann nach Polyamory leben. In einer ethisch korrekten polyamourösen Partnerschaft haben alle Beteiligten dieselben Möglichkeiten, unabhängig vom Geschlecht. Bei Polyamory geht es nicht darum, sich ein Harem zu halten. Es geht darum, einen Lebensabschnitt oder Lebensbereich mit Personen zu teilen, die man liebt, und zwar – wohlgemerkt – mit mehr als nur einer Person. Und die Personen, die man liebt, teilen wiederum ihr Leben und ihre Liebe mit mehr als einer Person. Bei Polyamory geht es nicht darum, die geliebten Personen zu besitzen und alles zu tun um zu verhindern, dass sie fremdgehen.

Nochmals zurück zum Sex. Wie entscheidet sich, wer mit wem schläft?

Das hängt ganz von der Art der Beziehung ab. Wenn es ein primäres Paar und sekundäre Partnerschaften gibt, dann stellt üblicherweise das primäre Paar ein paar Grundregeln auf, die bestimmen, wer's mit wem wann tun darf.

In einer Treue orientierten „Polyfidelity“-Gruppe entscheiden jeweils die beteiligten Personengruppen selbst über die Dynamik untereinander. Und wenn man ein extragrosses Bett hat, wer weiss? Vielleicht kommt man auf den Geschmack und möchte ein paar extra Füße im Bett haben!

Doch die Frage, wer mit wem schläft ist nicht unbedingt der interessanteste Aspekt in einer Poly-Beziehung. Vergessen wir nicht, dass es bei Polyamory vor allem darum geht, dass man mehr als eine romantische Beziehung haben möchte, und nicht darum, dass man mehrere Sexpartner hat. Die soziale Dynamik kann sehr kompliziert sein und geht weit über die Frage hinaus, wer mit wem schläft.

Ja, sicher. Und wie soll man verhindern, dass man eifersüchtig wird?

In der Tat eine gute Frage!

Natürlich ist niemand vor Eifersucht sicher. Ebenso wenig wie vor Angst, Hunger oder Wut. Manche sind eifersüchtiger als andere, aber jeder kann Eifersuchtsgefühlen erliegen. Eifersucht ist - wie Angst oder Hunger -– eben auch nur ein Gefühl.

Eifersucht entsteht allerdings nicht dann, wenn man seinen Partner mit jemand anderem sieht. Eifersucht ist eine Reaktion auf die eigenen Gefühle und sagt mehr über die eigene Sicherheit oder Unsicherheit aus als über die Aktivitäten des Partners.

Eifersucht tritt häufig auf, wenn man sich in einer Beziehung unsicher, schlecht behandelt, bedroht oder verwundbar fühlt. Wenn man sich in einer Beziehung sicher fühlt, dann wird man auch nicht eifersüchtig. Die Eifersucht selbst ist nicht das Problem; sie ist lediglich ein Symptom. Man muss erst die Unsicherheit angehen oder die Dinge, welche die Verwundbarkeit verursachen, und erst dann kann man die Eifersucht bekämpfen. Damit also eine polyamouröse Beziehung funktionieren kann, müssen sich alle Beteiligten sicher, wertvoll, geschätzt und geliebt fühlen.

Eine Poly-Beziehung hängt viel starker vom gegenseitigen Vertrauen und dem Sicherheitsgefühl ab als eine traditionelle Beziehung. Schon das kleinste Anzeichen von Unsicherheit in einer Poly-Beziehung kann sich so dramatisch entwickeln, dass es letztlich das Ende der Beziehung bedeutet.

Die Probleme werden noch starker aufgebauscht, wenn man seine Ängste und Gefühle unterdrückt. Die Beziehung kann nur erfolgreich sein, wenn man auch über seine Ängste offen spricht, und zwar sobald diese auftauchen, AUCH WENN MAN MEINT, SO SCHLIMM SEI ES NICHT. Wenn man Ängste ausspricht und diese beleuchtet, dann nimmt man ihnen häufig die Macht.

Viele meinen verständlicherweise, die Partner in einer polyamourösen Beziehungen seien immun gegenüber Eifersuchtsgefühlen. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube eher, dass Eifersucht als Symptom eines anderen Problems auftritt - als Symptom dafür, dass sich jemand unsicher fühlt. Welches Problem auch immer dahinter steckt, man sollte es angehen, und damit verschwindet auch die Eifersucht.

Eifersucht entsteht nicht einfach so, ebenso wenig wie andere Gefühle. Sie entsteht, weil jemandes Bedürfnisse nicht erfüllt werden oder sich jemand bedroht fühlt. Wer sich nicht bedroht fühlt, spürt auch keine Eifersucht.

Also, wie gesagt, wenn man Eifersucht bekämpfen will, dann muss man sich mit den eigentlichen Problemen auseinander setzen - nach Möglichkeit, bevor sie entstehen. Man sollte den Partner spüren lassen, dass er oder sie etwas Besonderes ist, gebraucht und geliebt wird. Dann wird weder Angst aufkommen noch das Gefühl einer Bedrohung.

Aber wenn jemand eifersüchtig ist, dann ist das doch nicht mein Problem.

Nein, es betrifft alle, und wenn man das Problem lösen will, dann muss man herausfinden, warum der- oder diejenige eifersüchtig ist.

Wenn man seinen Lover behandelt, als sei er oder sie ersetzbar, dann provoziert man Eifersucht. Wenn es einem egal ist, ob der Partner sich begehrt fühlt, und ihm oder ihr nicht das Gefühl vermittelt gebraucht zu werden, dann provoziert man ebenfalls Eifersucht. Wenn man es seinen Partnern nicht klar und glaubhaft vermittelt, dass man sie wertschätzt, dann sind diese Beziehungen schnell wieder zu Ende.

Manchmal neigt man dazu, den (primären) Partner gerade ob einer neuen Bekanntschaft und der damit einhergehenden Auf- und Erregung schlichtweg zu vergessen. Gerade dann steigt das Risiko, dass einer der Beteiligten eifersüchtig wird. Es gibt kein Allheilmittel, welches eine Eifersucht des Partner zu jeder Zeit verhindert, aber es ist schon sehr hilfreich, allen die gebührende Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme zu erweisen und alle in möglichst viele Aktivitäten einzubinden.

„Wenn der Partner sich nach jemand anderem umdreht, dann genüge ich ihm oder ihr nicht mehr.“ Wenn du mit diesem Glaubenssatz aufgewachsen bist, dann wirst du in einer polyamourösen Beziehung vermutlich nicht sehr glücklich, ausser du schaffst es, denn Irrtum dieser Idee zu erkennen und dich von ihr abzuwenden.

Wir Menschen können mehr als nur einen anderen Menschen lieben; es ist ja nicht so, dass uns eine unbekannte innere Kraft gebietet, ja nicht mehr als eine Person zu lieben. Alle Mehrfach-Eltern wissen, dass man mehr als ein Kind lieben kann.

Aber das heisst noch lange nicht, dass diese Menschen entbehrlich oder gar ersetzbar sind. Mehrfach-Eltern wissen, dass ihre Liebe für jedes ihrer Kinder einzigartig und unersetzbar ist. Genauso wissen die Partner innerhalb einer gesunden Poly-Beziehung, dass ihre Liebe für jedes einzelne Beziehungsmitglied einzigartig und unersetzbar ist – dieses Wissen trägt ebenfalls zur Vermeidung von Eifersucht bei.

Mmhh, so einfach ist das also… Okay, aber dann erklär mir doch mal, warum es mein Partner dann mit jemand anderem treiben will, wenn ich doch vollauf genüge?

Es geht doch nicht darum, ob du genügst oder nicht.

Viele wachsen im Glauben auf, dass der Partner einem nicht genügt, wenn man das Bedürfnis hat, mit jemand anderem zu schlafen. Aber das ist ein Mythos, den es schon seit Urzeiten gibt -– wie zum Beispiel den Weihnachtsmann. Wir Menschen funktionieren nicht so; wir wurden nicht so konstruiert, dass sich unser Gehirn bei der Begegnung mit einer anziehenden Person sofort abstellt, nur weil wir eigentlich in jemand anderen verliebt sind.

Jemand fragte mich mal: „Wie hältst du es aus, wenn du weisst, dass dein Partner gerade mit einem anderen zusammen ist? Fragst du dich dann nicht auch, ob der andere möglicherweise besser im Bett ist?“

Die eine Version der Antwort ist lange und sehr kompliziert. Die andere ist kurz und einfach, und zwar: Es ist egal, es ist ja kein Wettbewerb.

Es gibt so viele Menschen auf der Welt. Wenn man lange genug sucht, dann findet man immer irgendjemanden, der in irgend etwas besser ist als man selbst. Solche, die besser kochen, besser im Bett sind, besser lesen, schreiben und fahren können, was auch immer. Man kann nicht in allem am besten sein. Damit muss man sich abfinden.

Und weisst du was? Es spielt auch wirklich keine Rolle.

Wenn man wirklich glaubt, dass der Partner einem fallen lässt, sobald jemand auftaucht, der im Bett mehr draufhat, dann sollte man vielleicht monogam sein - aber dann wiederum sollte man sich vielleicht mit der Beziehung auseinandersetzen, solange sie noch besteht.

Aus demselben Grund ist es auch nicht wichtig, wenn der Partner auf jemanden trifft, der besser kochen kann als man selbst.

Wenn man zusammen im Restaurant isst, fragt man sich ja auch nicht: „Mein Gott, was ist, wenn die Gerichte hier besser sind als meine?“ Fragt man sich ängstlich, ob die eigene Kochkunst im Vergleich abfällt? Nicht wirklich, wenn man noch bei Trost ist.

Und mit Sex ist es genau dasselbe.

Sex ist erlernbar. Wer weiss… Wenn der Lover einen Trick rausfindet, den man selbst noch nicht kennt, dann kann das auch mit dem (primären) Partner Spass machen und verhilft einem vielleicht sogar dazu, ein (noch) besserer Liebhaber zu werden…

Aber wie gesagt, es ist ja kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, dass man sein Leben lang der Frage nachrennt, wie gut man im Vergleich mit anderen im Bett ist.

Sonst wird man ja verrückt. Und es geht auch nicht um Sex, sondern darum, dass man sich der Möglichkeit öffnet, mehr als eine Liebesbeziehung führen zu können.

Und vielleicht ist es ja DEIN neuer Lover, der dir ein paar Tricks beibringt!

Ja, aber warum? Was bringt es dir denn eigentlich? Ausser, dass du's mit anderen treiben kannst?

Also erstens: Poly sein heisst nicht, es einfach nur mit anderen „treiben zu wollen“. Es kann heissen, dass man einen zusätzlichen Partner hat.

Aber darum geht es ja gar nicht.

Diese Frage lässt sich mit einer Gegenfrage beantworten: Wie ist der Mensch überhaupt beschaffen? Warum gehen wir überhaupt eine Beziehung ein? Warum verliebt man sich in jemanden? Die Antwort variiert natürlich von Mensch zu Mensch, aber es läuft alles darauf hinaus, dass wir Gesellschaft brauchen. Wir Menschen sind glücklicher, wenn wir verliebt sind. Intimität erhöht die Lebensqualität.

Gut und recht. Aber warum genügt eine Person nicht?

Nehmen wir an, du hast ein Kind und möchtest ein zweites, aber das erste fragt dich: „Aber genüge ich denn nicht?“ Diese Frage ergibt keinen Sinn mehr, sobald man verstanden hat, dass das Ganze sich nicht um „genügen oder nicht genügen“ dreht.

Beginnen wir mal mit der Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen nicht nur mit einer Person intim ist. Sie sind zwar -– zumindest theoretisch - intim mit jeweils einer Person, was aber so auch nicht stimmt, wenn wir uns eine Statistik über Gesellschaftsstudien anschauen: Gemäss dieser sind nämlich 34% der Männer im Alter von 50 bis 64 nach eigener Aussage mindestens einmal fremdgegangen.

Ja, aber das ist was anderes. Das ist Fremdgehen.

Ja, genau. Wenn man mehr als einen Lover will - was die meisten wollen, entgegen dem Mythos der Romantik, der einem 'anerzogen' wurde - dann verlangt die Moral und Integrität von einem, dass man auch ehrlich und direkt in diesem Punkt ist.

Viele Frauen, die mit mir anbändeln wollen, fragen mich gerade heraus: „Würdest du deine Frau betrügen?“, worauf ich jeweils antworte: „Ich bin zwar offen für andere Geliebte, aber ich würde meine Frau niemals betrügen - ich kann mich nur auf dich einlassen, wenn meine Frau damit einverstanden ist.“ Die meisten Frauen finden das total schräg. Es scheint also viele zu geben, denen es überhaupt nichts ausmacht, ihren Partner anzulügen und fremdzugehen und sich nicht einmal etwas dabei denken - sie haben kein Verständnis für das Prinzip von Integrität und Ehrlichkeit.

Solche Frauen würde ich nicht als Geliebte haben wollen. Denn alle, die ihren Partner betrügen, sind auch fähig mich zu betrügen, und solche Menschen haben keinen Platz in meinem Leben.

Also ist man entweder polyamourös oder geht fremd?

Nein. Es gibt Menschen, die für die Monogamie bestimmt sind. Sie können in einer monogamen Beziehung und dabei absolut glücklich sein, sie schauen sich nie nach einer anderen Person um. Das ist toll. Aber nicht jeder ist so; ganz im Gegenteil, wir haben genügend Beweise dafür, dass die meisten wohl anders sind.

Aber auch das ist nicht wirklich wichtig. Es geht nicht darum, ob jemand „genügt“. Viele polyamouröse Menschen könnten auch in einer monogamen Beziehung leben, wenn sie wollten. Es ist sogar so, dass Menschen, die mit Erfolg eine polyamouröse Beziehung führen, grundsätzlich besser darin sind als monogame Menschen, sich an die Regeln einer Beziehung zu halten und nicht fremdzugehen. Aber polyamouröse Menschen wollen eben keine monogamen Beziehungen.

Aber was ist denn falsch an Monogamie?

Nichts.

Und warum willst du sie dann nicht?

Weil mir eine polyamouröse Beziehung mehr bietet.

Wenn sich mehr als zwei Menschen in derselben Beziehung finden, dann ergeben sich daraus auch mehr Ressourcen und Perspektiven als in einer monogamen Partnerschaft. Wenn eine Person daraus beispielsweise deprimiert ist oder ein Problem hat, dann kann sie auf zwei oder mehr Menschen zurückgreifen, um sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Manchmal lässt sich eine Lösung einfacher und schneller finden, wenn sich mehr als zwei Menschen damit beschäftigen. Und es bereichert dein Sexleben.

Im Bett bin ich kreativ. Nun, zumindest glaube ich das in guten Momenten. Aber Tatsache ist, dass kein einziger Mensch nicht mal annähernd alles gesehen oder getan hat, was für tolle Sachen sich im Bett machen lassen. Es gibt zur Zeit sechs Milliarden Menschen auf der Erde, und seit mindestens 30'000 Jahren sind wir da. Bestimmt hat irgendjemand irgendwo etwas entdeckt, dass dir ebenfalls grossen Spass machen, aber nie selbst einfallen würde.

Ich habe viel von meinen Partnern gelernt, sowohl im Bett wie auch ausserhalb, was mir in der Beziehung zu meiner Frau viel gebracht hat. Es geht nicht nur um Techniken, sondern auch um neue Sichtweisen. Sie haben meine Beziehung zu meiner Frau und mein Leben definitiv bereichert.

Aber es ist nicht so, wie du vielleicht denkst. Nicht alle polyamourösen Menschen stehen automatisch auf Gruppensex. Es gibt solche, die noch nie einen Dreier hatten. Und nur weil man polyamourös ist, ist man auch nicht gleich abartig oder feiert Orgien oder ist promisk oder will jeden, der einem über den Weg läuft, ins Bett zerren. Für Menschen in einer 'Polyfidelity'-Beziehung ist polyamourös sein nicht viel anders als monogam sein. Polyamory heisst auch nicht, dass man bisexuell ist. In einer polyamourösen Beziehung zu sein heisst nicht automatisch, dass jeder mit jedem schläft. (Und die Vorstellung eines Mannes inmitten einer heissen Nummer zwischen zwei Girls ist ein uraltes Klischee. Vergiss es, wenn du glaubst, dass dir eine Poly-Beziehung eine solche Lage beschert.)

Und was ist der Haken

Dass mehr als zwei Personen in die Beziehung involviert sind.

Das ist zwar ein Geschenk, kann aber gleichzeitig auch Stress bedeuten. Eine gewisse Spannung steckt in jeder romantischen Beziehung. Ich hab noch nie von einer Beziehung gehört, in der es kein einziges Mal zu einer Auseinandersetzung gekommen wäre.

Und wenn jetzt noch eine weitere Person dazukommt, dann steigt damit auch das Potenzial für Unstimmigkeiten und Streit, womit die Spannung ebenfalls ansteigt. Und zwar massiv. Kommen zwei Personen dazu, dann steigt sie noch mehr. Je mehr Menschen in derselben Partnerschaft vereint sind, umso grösser das Potenzial für Schwierigkeiten.

Aber das ist nicht zwangsläufig alles schlecht. Manchmal ist es ein Segen, dass man sich an jemanden wenden kann, gerade wenn man Probleme hat. Aber insgesamt ist es bestimmt schwieriger, eine Liebesbeziehung zu leben, an der mehr als zwei Personen beteiligt sind.

Alle an einer Poly-Beziehung Beteiligten müssen unbedingt die Regeln einhalten und darauf achten, dass die Bedürfnisse aller erfüllt werden. Andernfalls wird sie nicht funktionieren - genauso wenig wie eine monogame Beziehung.

Ein weiterer heikler Punkt in einer polyamourösen Beziehung ist das emotionale Risiko: Es ist grösser als in einer monogamen Beziehung. Je mehr Menschen man sein Herz öffnet, desto grösser die Gefahr, dass es gebrochen wird.

Aber wie kommt es dann, dass KEINE der nichtmonogamen Beziehungen, von denen ich je gehört habe, funktioniert hat? Das beweist doch, dass Monogamie besser ist!

Es ist doch allgemein so, dass Beziehungen nicht auf ewig dauern. Wie viele Menschen sind noch immer mit ihrem ersten Lover zusammen? Okay, ein paar, aber nicht sehr viele.

Hast du je beobachtet, dass eine monogame Beziehung in die Brüche gegangen ist? Beweist das etwa, dass Monogamie nicht funktioniert? Interessanterweise wird das Monogamiekonzept nicht in Frage gestellt, wenn eine monogame Beziehung scheitert. Aber wenn mal eine nichtmonogame Beziehung scheitert, heisst es gleich, dass Nichtmonogamie halt nicht funktioniert!

Und es ist ja nicht so, dass die Beziehungen, die nicht auf ewig halten, automatisch „gescheitert“ sind. Tatsächlich herrscht die allgemeine Vorstellung, dass sie gescheitert sind, aber das muss nicht zwangsläufig der Fall sein, denn jede Beziehung, in der man etwas über sich selbst oder sein Umfeld lernt, ist doch schon irgendwie ein Erfolg.

Also nehmen wir mal an, ich nehme dir das so ab. Wie schaffe ich es, dass es funktioniert?

Die Frage sollte lauten: „Wie schafft man es, dass Polyamory NICHT funktioniert?“.

Wie in jeder Beziehung ist es auch hier kein Einfaches, die Partnerschaft erfolgreich zu gestalten. Scheitern ist immer der einfachere Weg. Wenn man sicher gehen will, dass die Beziehung schief läuft, braucht man einfach nur zu lügen. Schafft man es nicht, ehrlich zum Partner zu sein – und zwar in jeder Hinsicht – dann sollte man die Finger von Polyamory lassen. Kannst du dich nicht an die Regeln einer polyamourösen Beziehung halten, dann funktioniert sie nicht. Und wenn man fremdgeht, ebenso wenig.

Eine weitere Garantie zum Scheitern einer Beziehung hat man, wenn man den Partner zwingt oder dazu drängt, einer polyamourösen Beziehung zuzustimmen. Sie funktioniert nämlich nicht, wenn eine/r der Beteiligten nur widerwillig zustimmt; es muss für alle Seiten ein Bereicherung sein.

Gut, soweit alles klar. Keine Lügen, nichts erzwingen. Und dann?

Das hängt von dir ab und vom Partner ab. Ist man nicht ganz sicher, ob man's mit einer polyamourösen Beziehung versuchen will, dann sollte man nichts überstürzen. Zuerst sollte man sich davon überzeugen, dass beide wissen, was sie tun. Ausserdem sollte man ob der ganzen Begeisterung nicht die Bedürfnisse des Partners vergessen. Das geschieht leider sehr schnell, auch wenn man meint, besonders darauf geachtet zu haben.

Wenn man bereits eine Beziehung hat, muss man unbedingt überprüfen, ob sie wirklich solide und stabil genug ist, bevor man sich ans Experimentieren mit einer nichtmonogamen Beziehung macht. Eine bereits kränkelnde Partnerschaft wird noch mehr darunter leiden, wenn man versucht am Fundament herumzubasteln.

Also nochmals: keine Lügen, nichts erzwingen. Vergiss nicht die Bedürfnisse deines oder deiner Partner. Die Bedürfnisse aller müssen erfüllt sein, und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Andernfalls kannst du Gift drauf nehmen, dass es keiner ist. Schenk deinen Partnern Aufmerksamkeit. Lass dich nicht zu fest ablenken.

Vergiss ein für alle Mal, dass Polyamory dich zu Promiskuität berechtigt. Tut sie nicht. Polyamourös zu sein heisst nicht, dass man mit jedem/r ins Bett steigen kann. Es heisst ebenso wenig, dass das Leben fortan aus wilden Orgien bestehen wird. Von solchen Vorstellungen muss man sich erst lösen, denn darum geht es bei Polyamory nicht.

Eine polyamouröse Beziehung funktioniert nur, wenn alle Beteiligten glücklich sind. Man kann zwar nicht erwarten (übrigens auch in einer monogamen Beziehung nicht), dass der Partner wirklich immer für einen da ist, und doch ist es keine Schande, den Partner direkt heraus wissen zu lassen: „Hör mal, ich finde, du verbringst nicht genügend Zeit mit mir. Schenk mir doch bitte etwas mehr Aufmerksamkeit.“

Und dann gehört natürlich auch etwas Menschenverstand dazu. Natürlich muss man sich unbedingt an die Safer-Sex-Regeln halten, vor allem, wenn man mehr als einen Lover hat. Das sollte ja wohl klar sein.

Aber wie finde ich heraus, ob ich überhaupt polyamourös veranlagt bin? Und ob das Ganze auch für mich funktioniert?

Also das musst du schon selbst herausfinden.

Wenn du dir vorstellen kannst, deinen Partner mit jemandem zu teilen und dabei auch glücklich bist, dann kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass du in einer polyamourösen Beziehung gut zurecht kämst. Es gibt natürlich keine Garantie dafür, aber immerhin ist es grundsätzlich im Bereich des Möglichen.

Ganz allgemein gesprochen rate ich allerdings davon ab, sich Hals über Kopf in Polyamory zu stürzen. Man muss sich einer Beziehung wirklich sicher sein und sich sicher darin fühlen, bevor man eine öffnung der Beziehung und die Beteiligung weiterer Partner erwägen sollte.

Ich bin seit jeher polyamourös. Sogar zu meinem Abschlussball an der High School war ich in Begleitung zweier Mädchen. Vor über sechzehn Jahren lernte ich dann meine Frau kennen, die aus einer streng katholischen Familie und entsprechend konservativem Umfeld kam. Polyamory war in den ersten zwei Jahren unserer Beziehung überhaupt kein Thema, weil ich es für wichtiger hielt, zuerst eine gute Beziehungsgrundlage mit ihr zu schaffen. Und als es dann doch ein Thema wurde, dauerte es ein Jahr, bevor überhaupt irgend etwas passierte. Und dann war es meine Frau, die einen Geliebten hatte! Das war wichtig, weil sie sich so selbst überzeugen konnte, dass sie erstens einen Lover haben konnte und zweitens, ohne unserer Beziehung zu schaden.

Wie lässt man eine polyamouröse Beziehung anlaufen?

Wenn man zum ersten Mal mit Polyamory zu tun hat, dann sollte man nicht vergessen, dass man die Bereitschaft haben muss daran zu arbeiten. Dem Partner zuhören, ohne sie oder ihn unter Druck zu setzen. Man muss bereit sein, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sicherstellen, dass die Grundlage der Beziehung stabil und sicher ist.

Natürlich kommt es auch vor, dass gewisse Leute sich plötzlich in einer polyamourösen Beziehung befinden, ohne darauf vorbereitet zu sein. Dann kann es schnell passieren, dass man durcheinander, verunsichert, eifersüchtig und wütend ist…. Dann sollte man einen Schritt zurücktreten und die Situation von aussen, rational und mit kühlem Kopf betrachten. Was geht da vor? Wird man vom Partner abgewiesen? Verliert der Partner das Interesse an einem? Lautet die Antwort „nein“, dann sollte man sich das Ganze sorgfältig durch den Kopf gehen lassen, bevor man Wut oder Eifersucht zulässt. Was geht wirklich vor? Wie viel ist man bereit in die Beziehung zu investieren? Wie sollte die Partnerschaft aussehen? Und sind diese Vorstellungen auch wirklich erfüllt? Ja, ich weiss schon, diese Auseinandersetzung ist nicht ganz einfach.

Gehen wir davon aus, dass du's wirklich versuchen willst, dann würde ich folgendes empfehlen: Vergiss es, wenn du bereits in einer verwundbaren Beziehung steckst. Beziehungsprobleme lassen sich durch Polyamory nicht lösen.

  • Vergewissere dich, dass alle dasselbe wollen. Was wollt Ihr? Unter welchen Bedingungen oder Umständen ist es in Ordnung, wenn man sich auf einen anderen Lover einlässt? Hat man bei der Partnerwahl des anderen ein Mitspracherecht? Wenn ja, in welcher Form oder welchem Ausmass?
  • Sei einfühlsam - sowohl gegenüber deinen Partnern wie auch wiederum gegenüber deren Partnern. Das ist vor allem wichtig, wenn man schon eine Beziehung hat. Wenn sich ein Paar einer polyamourösen Beziehung öffnet, dann ist es häufig so, dass sich eben dieses primäre Paar so auf die Erhaltung ihrer Zweierbeziehung konzentriert, dass sie dabei leicht vergessen, auch auf die Gefühle der sekundären Partner Rücksicht zu nehmen. Soll es ethisch in einer Beziehung zugehen, müssen alle Beteiligten respektvoll und einfühlsam behandelt werden.
  • Wenn irgendwie möglich, würde ich empfehlen, sich einer lokalen Poly-Gruppe anzuschliessen. Als meine Frau und ich vor fünfzehn Jahren einen nichtmonogame Partnerschaft eingingen, hatten wir diese Möglichkeit zu meinem grossen Bedauern leider nicht. Es ist wirklich sehr, sehr hilfreich, wenn man Zugang zu einer Gemeinschaft hat, die alle möglichen Fehler schon hinter sich hat und mit einem ihre Weisheit und Erkenntnisse teilt.
  • Nichts überstürzen. Langsam angehen lassen. Nicht in die erste polyamouröse Beziehung stürzen, die einem „über den Weg läuft“.
  • Gute Kommunikations- und Konfliktlösungsfertigkeiten entwickeln. Irgendwann einmal wirst du sie todsicher brauchen. (Natürlich sind diese auch in einer monogamen Beziehung äusserst hilfreich….)

Und wo könnte ich denn polyamouröse Partner finden?

Wo du sie findest? Na ja, auf der Welt wimmelt es ja nur so von Menschen. Es lässt sich kaum vermeiden jemanden zu treffen, sobald du zur Tür raus bist, oder?

Sorry, das war natürlich nicht ernst gemeint. Ich will damit nur sagen, dass du nicht an einen bestimmten Ort gehen kannst, in der Erwartung, dort polyamouröse Menschen zu treffen oder nach einem bestimmten Zeichen Ausschau zu halten, das einen polyamourösen Menschen kennzeichnen würde. Es ist so wie sonst auch. Wo trifft man normalerweise Leute? Ich hab sie an Kongressen, bei der Arbeiten, in Clubs getroffen - an den Plätzen halt, wo man auch sonst jemanden kennen lernt.

Und nur weil jemand nicht öffentlich bekannt gibt, dass er oder sie poly ist, heisst das nicht zwangsläufig, dass er oder sie dieser Vorstellung abgeneigt ist. Meine Frau war ja auch nicht polyamourös, als wir uns kennen lernten, aber sie ist es heute, und sie ist sehr glücklich in ihrer Partnerschaft mit mir. Ich hab sie übrigens bei McDonald's getroffen…

Wenn man einen Partner sucht, erweist es sich auch als hilfreich, auf eine Einkaufsliste zu verzichten wie etwa „Eine rothaarige Bisexuelle, die gerne Elvis und Kurt Vonnegut mag“ - sei vielmehr offen für das, was kommen mag.

So, das wär's, jetzt bist du dran. Es gibt kein todsicheres Rezept, damit's funktioniert, und leider kann ich dir auch nicht sagen, wo du auf die richtigen Leute treffen könntest. Aber ich kann dir versichern, dass es – bei allen Schwierigkeiten – eine unglaublich dankbare und erfüllende Art und Weise ist, wie man sein Liebesleben bereichern und erweitern kann.

texte/polyamory_what_like_two_girlfriends.txt · Zuletzt geändert: 04.08.2008 18:42 (Externe Bearbeitung)

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