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Vor 10 Jahren übernahm ich die Pflege der polyamory.ch Webseite, über die Zeit hatte ich viele gute Kontakte mit Menschen aus aller Welt, besuchte selbst viele der Stammtische und Treffen.
Es wurden immer mehr Treffen, immer weniger erfuhr ich davon, fand auch selbst neben Job und eigenem Leben Zeit, mich mit der notwendigen Musse um die Seite zu kümmern. Unterstuetzung war da, jedoch nicht in einem Masse, die eine umfassende Liste der Deutschsprachigen Treffen benötigen würde.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Liste der Treffen und den Kalender per Ende Juni 2018 einzustellen und zukünftig auf polyamory.de zu verweisen. Der Rest dieser Site bleibt bestehen, sei es als Inspirationsquelle von Besuchern, sei es als Archiv der jungen Polykultur im Deutschsprachigen Raum um die Jahrtausendwende.

Beat Rubischon <beat@0x1b.ch>
texte:das_problem_mit_der_polynormativitaet

Der englische Originaltext stammt von Andrea Zanin und ist hier nachzulesen. Übersetzt wurde er gemeinschaftlich von Bettina, Tom und Rainer vom Berliner PolyTreff.


Das Problem mit der Polynormativität

Polyamorie erhält dieser Tage eine Menge Sendezeit in den Medien. Das ist wirklich ziemlich bemerkenswert und stellt eine große Veränderung in den letzten fünf bis zehn Jahren dar.

Das Problem - und das ist kaum verwunderlich – ist, dass die Art von Poly, die bei weitem die meiste Sendezeit erhält, diejenige ist, die der traditionellen Monogamie am nächsten kommt, weil sie die herrschende Sozialordnung am wenigsten bedroht.

Vor zehn Jahren, denke ich, war meine Haltung eher ein Leben-und-leben-lassen. Du weißt schon, andere Länder, andere Sitten… Ich lebe Poly auf meine Weise, Du lebst es auf Deine, und wir alle tun etwas Nicht-Monogames, das wir als etwas von der Norm Abweichendes und einander Verbindendes betrachten können. Wir teilen eine gewisse Art der Unterdrückung insofern, als die Welt Nicht-Monogamie nicht anerkennt oder wertschätzt. Wir teilen Beziehungsfragen wie logistische Herausforderungen, Zeitmanagement und Eifersucht. Also sitzen wir alle in einem Boot, oder?

Heute jedoch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich viel stärkere Gefühle diesbezüglich habe. Ich meine Gefühle ernsthafter Ablehnung gegenüber dem Konzept, nicht nur des YKINMKBYKIOK*. Gefühle echter Verärgerung statt solche der Kameradschaft. Ich denke, wir handeln grundsätzlich radikal verschieden. Die Poly-Bewegung – wenn sie denn als eine solche bezeichnet werden kann, was aus einer Reihe von Gründen fraglich ist – beginnt präzise an denselben Linien zu zerbrechen wie die Schwulen/Lesben/Queer-Bewegung. ( Man könnte argumentieren, das wäre schon immer so gewesen, aber es schien mir nicht immer so glasklar zu sein wie jetzt.)

(*Steht für: „Deine Macke ist nicht meine, aber deine ist ok“, eine übliche Redewendung zwischen Anormalen, um auszudrücken, dass man etwas nicht mögen muss, um es zu akzeptieren.)

Im Grunde würde ich sagen, das Polykonzept einiger Leute sieht für den Mainstream gut aus, das anderer jedoch nicht. Der Mainstream sieht sich gerne herausfordernd, sexy und cool. Der Mainstream übernimmt gern jeden frischen Trend, um sich selbst davon zu überzeugen, dass er etwas Neues und Aufregendes tut, denn das steigert den Umsatz von Zeitschriften, Veranstaltungsticktes, was auch immer. Der Mainstream tut dies gerne, wohingegen er so viele Barrieren wie möglich gegen grundsätzliche Wertewechsel errichtet, die die Struktur der Funktionsweise der Welt stürzen könnten. In diesem Fall ist diese Struktur die des Primats des Paares.

Die Medien präsentieren klare Poly-Normen und überwältigende Beispiele polyamorer Menschen, die innerhalb dieser Normen Polyamorie leben und darüber sprechen. Das bezeichne ich als Polynormativität. (Ich glaube nicht, dass ich hier gerade einen Begriff präge, aber ich bin nicht weit weg davon, weil die meisten der siebenhundert armseligen Google-Hits, die ich finden konnte, Juristenjargon waren, den ich nicht verstehe. Ehrlich gesagt wünschte ich mir, es gäbe den Begriff schon. Also, ähm… dies ist mein Geschenk an Dich.)

Hier sind die vier Normen, die Polynormativität prägen, so wie ich es sehe:

1. Polyamorie beginnt mit einem Paar. Das erste Mal, als ich den Begriff „Polypaar“ hörte, lachte ich laut auf. Es schien mir das offensichtlichste aller Oxymorone - Jumbo-Garnelen, friendly fire, feste Schätzung, Polypaar. Aber siehe da, es hat wirklich Wurzeln geschlagen, und niemand scheint etwas zu merken. Polyamorie wird dargestellt als Angelegenheit eines Paares, im Gegensatz zu einer Beziehungsphilosophie und –herangehensweise, die einem einzelnen Menschen zugerechnet wird, der in der Folge am Ende Teil eines Paares, aber - weil poly! - möglicherweise genauso gut mit sechs Leuten verpartnert sein kann, oder Teil einer Triade oder Single oder was auch immer. Mit dieser Norm nähert sich die ganze Prämisse von Mehrfachbeziehungen an etwas an, das im Wesentlichen klingt wie das Hobby eines traditionell verbundenen Paares, wie Tanzen oder Skifahren. So viel zum radkalen Neudenken zwischenmenschlicher Beziehungen. So viel für alle, die der Sache unvorbereitet als Single begegnen.

2. Polyamorie ist hierarchisch aufgebaut. Ausgehend von der Norm, dass Polyamorie mit zweien beginnt (und vermutlich endet), müsen wir allem Folgenden selbstverständlich eine Hierarchie zuerkennen. Wie sonst würden wir wissen, wer aktuell das wirkliche Paar ist? Fügst Du noch mehr Personen hinzu, könnte es unscharf und verwirrend werden! So entsteht die Idee der primären und sekundären Beziehungen. Das ist, was ich hierarchische Polyamorie nenne.

„Primary“ beinhaltet: allerwichtigste Bedeutung. „Secondary“ meint: weniger wichtige Bedeutung. In diesem Modell ist es selbstverständlich, dass die Gefühle einer Person vor denen einer anderen stehen. Lass mich das noch einmal sagen: Es ist völlig normal, wird sogar erwartet, dass die Gefühle, Schmerzen und Meinungen einer Person mehr bedeuten als die einer anderen. Es ist normal, dass eine Person erster Klasse fliegt, und die andere zweiter Klasse – eine Selbstverständlichkeit, die allein auf ihrem jeweiligen Status basiert. Und wir denken, das ist fortschrittlich?

Sebstverständlich wirkt sich das in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich aus. Dieses Modell funktioniert eher relativ gut, wenn die Beteiligten superfreundlich, rücksichtsvoll, ausgeglichen, emotional gefestigt und großzügig sind, und eher weniger gut, wenn die Beteiligten gemein, rücksichtslos, unausgeglichen, unsicher oder egoistisch sind. Es ist ein bisschen wie zu versuchen, den Job in einer Rezession zu behalten, je nachdem, ob Dein Chef ein netter Mensch oder vorwiegend am Betriebsergebnis interessiert ist. So oder so sorgt diese Struktur dafür, dass Secondaries vom guten Willen der Primaries abhängig sind, und dass sie nicht viel zu sagen haben.

Genau so entstanden Dinge wie der (umstrittene!) Vorschlag einer „Bill of Rights“ für Secondaries von Franklin Veaux oder ein kürzlich erschienener Beitrag, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete und skizzierte, wie man mit nicht-primären Partnern gut umgeht (wohlgemerkt: das sind keine Mainstream-Artikel). Diese Beiträge verursachen mir Brechreiz. Nicht, weil der Inhalt falsch wäre, sondern – laut den Secondaries, die genau diejenigen sind, denen wir hier zuhören sollten – weil es bedeutet, dass einer Reihe polyamorer Leute gesagt werden muss, wie sie andere Menschen nicht wie kompletten Abfall behandeln. Diese Beiträge sind Crash-Kurse in grundlegendem menschlichem Anstand. Dass sie auch nur im Entferntesten notwendig sind, um nicht zu sagen extrem verbreitet, ist wirklich verdammt beunruhigend.

Ich möchte einen Moment in eine Notiz zur Terminilogie abschweifen. Ich habe ein ernsthaftes Problem mit Definitionen von „Primary“, die so lauten wie: „Die Primärbeziehung ist, wenn Ihr zusammen lebt, Kinder habt, gemeinsam wirtschaftet, etc.“ Nein. Falsch. Ablehnung. Das ist eine zutieftst fehlerhafte Definition. Jedes der Elemente in dieser Art der Definition von „Primary“ kann ebenso leicht auf eine Beziehung angewendet werden, die nicht primär ist, oder die in diesem Sinne nicht romantisch oder sexuell ist. Menschen können mit einem Mitbewohner leben, mit einem platonischen Lebenspartner das Geld teilen, Kinder mit einem Ex haben, mit dem sie nie sprechen, und auf der anderen Seite kann eine Person eine andere als Primärpartner sehen, auch ohne ein gemeinsames Leben, Wirtschaften oder Kinder mit ihm zu haben. „Primary“ und „Sexondary“ betreffen ein hierarchisches Beziehungsmodell, nicht die spezifischen Lebensumstände.

„Primary“ und „Secondary“ sind nicht besonders vieldeutig, soweit es um die Ausdrucksweise geht. In diesem Sinne richte ich ein Plädoyer an alle Poly-Leute: wenn es nicht eure Absicht ist, eine Hierarchie zu schaffen oder anzudeuten, verwendet nicht „Primary“ oder „Secondary“ als Kurzform. Viele von euch sind Aussenseiter, so dass Genauigkeit euch wichtig sein muss, richtig? Seht es so, als wolltet ihr nicht Star Trek und Star Wars oder Mac und PC vermengen. Sprecht anstelle von „Primary“ von eurem Partner zu Hause, eurem langfristigen Partner, dem Menschen mit dem ihr am meisten Zeit verbringt, eurem Ehemann oder eurer Ehefrau – was gerade zutrifft. Anstelle von „Secondary“ nennt es Gelegenheitsdate oder –lover, eurer Freund oder eure Freundin, geheimen Liebhaber, eure jährliche Langzeit-Affäre, eure neue Flamme, oder andere Begriffe, die erklären, was läuft. Nichts hiervon ist hierarchisch. Es beschreibt nur die Beziehung. (Ich werde meine Schimpftirade darüber verschieben, dass manche Leute denken, dass „Ehemann“ und „Ehefrau“ realer seien als „Partner“, „Freund“ oder „Freundin“.) Andererseits soltet Ihr „Primary“ und „Secondary“ nicht vermeiden, um weniger hierarchisch zu erscheinen, wenn Ihr Beziehungsentscheidungen weiterhin strikt hierarchisch trefft. Kein Etikettenschwindel in irgendeiner Richtung, ok?

Lasst mich meine Position hier auf jeden Fall klarstellen. Es ist nichts falsch an ernsthaften, langfristig verpflichtenden häuslichen Partnerschaften. Es ist auch nichts Falsches an gelegentlichem Dating, oder daran, gelegentlich schöne Stunden mit einem Süßen zu genießen, wenn der viel mehr Zeit mit seinem Partner verbringt. Manchmal ist eine Beziehung nicht dafür vorgesehen, langfristig, häuslich oder in der Nähe zu sein, oder sich mit den Eltern des jeweils anderen zu treffen. Das ist keine schlechte Sache. Es ist nur ein Fakt. Es ist ferner nicht das Gleiche wie „Secondary“ zu sein. Ich spiele hier nicht mit Wortbedeutungen. Ich spreche über Rahmenbedingungen für den Blick auf Beziehungen, Entscheidungsfindungen, dem Aufstellen von Regeln – mehr dazu im nächsten Punkt – und den Umgang mit echten, lebenden Menschen.

3. Polyamorie erfordert eine Menge an Regeln. Wenn wir von einem Paar ausgehen und es weiterhin als „Primary“ und alles herum als „Secondary“ festlegen wollen, nun, dann müssen wir uns eine Reihe von Regeln ausdenken, um sicherzustellen, dass alles plangemäß verläuft, richtig? Richtig. (Und da ist ziemlich sicher ein Plan.)

Das ist ein kontrollbasierter Ansatz zur Polyamorie, der, wiewohl nicht exklusiv für paarbasierte Primary-Secondary Modelle, so doch schier unvermeidlich in ihnen ist.

Regeln werden implizit von den „Primaries“, dem „Poly-Paar“ festgelegt – das ist wenigstens die Art, wie sich die meisten Regeldiskussionen darstellen. Manche Bücher und Webseiten wollen dir erzählen, („du“ ist mutmaßlich ein Teil eines gegenwärtig monogamen auf dem Weg zum Poly-Paar), dass es wirklich superwichtig ist, nicht nur Regeln zu haben, sondern ausdrücklich zu formulieren, bevor Ihr rausgeht und das Polyding lebt. Wann immer Du eine Bestätigung für einen klaren Sceondary-Status der „Secondary“-Partner suchst, das ist er: die Regeln wurden festgesetzt, bevor sie auch nur aufgetaucht sind und dabei dann auch nichts zu melden haben. Nochmal… denken wir, das sei fortschrittlich?

Hier ist der Knackpunkt. Regeln verhalten sich entgegengesetzt zu Vertrauen. Sie beabsichtigen, jemanden an die Prioritäten eines anderen zu binden. Sie zielen auf Einschränkung ab. Ich beschränke dich, und du beschränkst mich, dann sind wir beide sicher. Wenn Zwei in ihren Werten gut zusammenpassen und ein starkes gegenseitiges Vertrauen haben, brauchen sie keine Regeln um zu wissen, wie jeder von ihnen sich verhalten wird. Ich meine, wie oft hört ihr „ich werde nicht zustimmen, dass jemand getötet wird, wenn du zustimmst, dass niemand getötet wird, ok? Das soll unsere Regel sein. Nicht töten.“ Natürlich nicht mit Psychopathen dabei, das muss nicht erwähnt werden; wir können davon ausgehen, dass jeder den Wert teilt: “Menschen zu töten ist schlecht, und ich werde es nicht tun.“ Aber es ist nicht das kleinste Bisschen ungewöhnlich für „Polypaare“, ein ausgearbeitetes Regelwerk zu erschaffen, das sie streng bindet, sich nur so zu verhalten, dass es nicht Angst erregend, gefährlich und die Hauptbeziehung bedrohend ist. Wir küssen niemanden, bevor wir einander nicht gefragt haben. Keine Übernachtungen woanders. Wenn du sie mehr als dreimal sehen möchtest, muss ich sie sehen. Wenn Du sie mehr als dreimal sehen möchtest, erzähl’ mir nichts, es ist zuviel für mich, damit umzugehen. Keine Verliebtheit (das lässt mich durchdrehen in seiner schieren Absurdität). Liebe ist okay, wenn Du ihn weniger liebst als mich. Analsex nur mit mir. Analsex nur mit anderen. Du darfst nur genauso viele Dates haben wie ich. Ihr geht nicht in unser Lieblingsrestaurant. Kein Schlafen in unserem Bett. Um 23 Uhr schreibst Du mir eine SMS. Ich muss dich anrufen, wenn ich von ihr aufbreche. Und die Krönung, der heilige Gral der Poly-Regeln: Wir haben ein Vetorecht! (Ich habe einen eigenen Beitrag darüber, „Against the Veto“, in dem ich genau darlege, warum Vetorechte eine faule Idee sind). Die Krux: Secondaries sind zweitrangig, so sehr zweitrangig, dass eine Person, mit der sie nichtmal verpartnert sind, entscheiden kann, ob und wann sie rausgeworfen wird.

Wenn wirklich Gefahr im Spiel ist, bin ich sehr für Regeln. Die Regel, dass man mindestens 1,60 groß sein muss um mit dieser Achterbahn zu fahren, dass man einen Schein braucht, um als Neurochirurg zu arbeiten… keinen ungeschütztem Analverkehr mit Fremden (beachte, dass diese Art von Regel nicht das Paar, sondern den Schutz deiner eigenen kostbaren Gesundheit betrifft! ) … bei dieser Veranstaltung nicht mit Feuer spielen, da die Decken niedrig und mit Luftschlangen behangen sind. Aber umfangreiche Reglen um Polyamorie sind im Wesentlichen, als wenn man sagte, dass Liebe (oder Sex oder Flirts) gefährlich seien und strengstens geregelt werden müssten, damit niemand zu Schaden kommt. Aus meiner Sicht ist dies ist eine sehr seltsame Art der Annäherung an die Möglichkeit großer Freude und menschlicher Verbindung – als ob es eine Bombe wäre, die explodieren würde , wenn man sie nicht mit strikten Sicherheitsmassnahmen behandelte. Je mehr Regeln du einbringst, desto mehr weist du darauf hin, dass du kein Vertrauen in die Person setzt, dieser Regeln ungeachtet rücksichtsvoll und gemäß der gemeinsamen Werte zu handeln, die euch beiden am Herzen liegen. Oder umgekehrt, du zeigst, dass du unter strenger Aufsicht sein musst, weil du sonst auf das Wohlbefinden deines Partners scheißen würdest. Wenn du ein Gesetz erlassen musst, heisst das, dass du nicht nicht erwartest, dass es ohne Gesetzgebung passieren würde. Dies ist ein trauriger Stand der Dinge für eine Sache, die angeblich eine liebevolle, möglicherweise langfristige Beziehung sein soll.

Sind Regeln nie eine gute Sache? Ich würde nicht so weit gehen. Sie können ein notwendiges Übel sein, eine vorübergehende Maßnahme, um euch durch eine harte Zeit zu bringen, in der ihr hoffentlich an einer besseren Lösung arbeitet. Was ihr tut, nicht wahr? Gerade jetzt. Richtig? Aus einem völlig anderen Blickwinkel können Regeln angenehm sein oder erotisch (etc.) aufgeladen, wie in einer D / s oder M /s Beziehung , obwohl diese natürlich auch, wenn aus Angst verhängt oder als ein Weg, Strafe zu vermeiden, eine Form der unethischen Bindung sein kann, um den Unsicherheiten einer Person Einhalt zu gebieten auf Kosten einer anderen. Aber abgesehen von diesen sehr spezifischen und umschriebenen Fällen sind Regeln am besten, wenn sie recht sparsam verwendet werden und auch dann nur, wenn andere Lösungen nicht verfügbar sind.

Von welchen anderen Lösungen rede ich ? Vertrauen. Schlicht und einfach. Vertrauen ist der Boden, auf dem Polyamorie wachsen sollte, ähnlich wie jede andere Art von Liebe. Sag, was du meinst, immer und alles. Folge deinen Verpflichtungen. Mach keine Versprechungen, die du nicht halten kannst . Gehe immer von der positiven Absicht aus. Stelle Fragen. Zuhören, zuhören , zuhören. Stelle mehr Fragen und höre noch mehr zu. Beruhige Ängste. Arbeite an deinen eigenen Unsicherheiten an dem Ort, von dem sie ausgehen - innerhalb deiner selbst. Sei freundlich. Sei konsequent. Sei großzügig. Stehe explizit für das ein, was du willst. Sag deutlich, was du brauchst. Entschuldige dich, wenn du etwas vermasselt hast, und versuche, es zu beheben. Finde Strategien, deine Schwächen zu kompensieren, wie Vergesslichkeit oder Angst oder Mangel an emotionalem Vokabular oder was sonst im Weg steht, all dies geschickt zu lösen. Ja, das wird eine Menge Arbeit sein. Tue es trotzdem. Noch besser wäre es , wenn du es tust, weil die Arbeit selbst Freude bringt und dich fühlen lässt, wie du dich durch die Welt bewegst in einer Weise, die zutiefst richtig ist. Wenn du an einem Punkt Chaos erzeugt hast, und es deine(n) Partner verletzt hat, versuche es zu heilen. Mach die Arbeit zusammen. Holt euch Paartherapie. Übt neue Kommunikationsfähigkeiten zusammen ein. Investiere Zeit, Energie und Mühe, um den Boden gesund und nahrhaft zu machen, anstatt in Zäune rund um den Garten zu investieren.

Von dort aus kannst du alle Arten von Verhaltensweisen verlangen, ohne dass es Regeln sein müssen. Du könntest sagen: „Ich bin wirklich daran interessiert, Deinen neuen Liebhaber kennenzulernen! Können wir uns nächste Woche zum Tee treffen? “oder „Hey, kannst Du mir 'ne SMS schicken, wenn du auf dem Weg nach Hause bist, damit ich weiß, wann ich das Abendessen bereitstellen soll?“ oder „Es würde mir Freude machen und ich würde mich als etwas Besonderes fühlen, wenn wir eine Marke Wein hätten, die nur wir miteinander trinken würden“ oder sogar: „Ich habe Angst, dich zu verlieren und ich brauche eine gewisse Sicherheit.“ Auch dies ist nicht nur Semantik. Diese anderen Formen der Beziehung sind nicht „nur wie Regeln“. Sie sind Großzügigkeit und Freude und Achtsamkeit, nicht Kontrolle und Grenzen und Angst. Was hier zählt, ist die Absicht.

4. Polyamorie ist heterosexuell(artig) . Auch niedlich und jung und weiß. Ebenfalls neu und spannend und sexy! Dieses Element der Polynormativität bezieht sich nicht direkt auf die anderen drei, aber da wir hier über die Darstellung in den Medien reden, lohnt es sich, dies zu erwähnen. Polyamorie wird in den Medien entschieden vorgestellt als etwas, das Heterosexuelle tun, außer manchmal noch bisexuelle Frauen, die einen primären männlichen Partner haben und sekundäre weibliche Partner. Es ist äußerst selten, dass Lesbische, Homosexuelle oder Queere Poly-Konfigurationen in Mainstream-Darstellungen von Polyamory aufgenommen werden, obwohl LGBQ-Kreise absolute Brutstätten des polyamourösen Aktivität sind, und LGBQ-Menschen eine lange und ruhmreiche Geschichte der Nicht-Monogamie haben, der jüngsten Begeisterung für die Ehe zum Trotz. An beinahe jedem LGBQ Sammelplatz selbst ist der Mainstream zu Hause - und man kann auf kleinstem Raum mindestens ein halbes Dutzend Menschen treffen, die eine Art von Nicht- Monogamie praktizieren, von regelmäßigen „monogamistischen“ Badehaus-Abenteuern bis hin zu kompletten Poly-Familien. Es ist so verbreitet, dass es sich normal anfühlt.

Aber wenn die Mainstream-Medien zu viele Kolumnen zu LGBQ Polyamorie bringen würden, dann würden die Menschen vielleicht denken, Poly sei eine Homosexuellen-Sache, und das wäre nicht annähernd so gut zu verkaufen. Also der typische polynormative Hype-Artikel geht ungefähr so: „Lernen Sie Bob und Sue kennen. Sie sind ein Poly Paar. Sie sind primäre Partner und sie treffen sich gemeinsam mit anderen Frauen.“ Oder: „sie beide treffen Frauen nebenbei“ oder „sie veranstalten Sex-Partys in ihrem Keller“ oder manchmal, wenn auch seltener, „Bob trifft Frauen und Sue andere Männer.“ Mainstream Darstellungen brechen selten die „ein Penis pro Party“-Regel , und das ist genau so beleidigend, wie es sich anhört. Sie hören nie davon, wie sich Bob mit Dave oder Sue mit Tim und Jim und John trifft, während Bob zu Hause bleibt und einen Film schaut. Weil - boa! Das geht ja wirklich zu weit. Ich meine, das Spiel mit Frauen ist eine Sache, aber wenn man ihm einen zweiten Mann vorsetzt, müssen dann nicht die beiden Jungs – wie sagt man – es unter sich ausfechten? Beweisen , wer männlicher ist? Wegen der Evolutionspsychologie! Wegen der Natur! Denn wenn ein Penis (und nur ein Penis) beteiligt ist, ist das echter Sex, und das bedeutet eine echte Beziehung, und wir müssen eine echte Beziehung haben, damit es eine Primary-Secondary-Struktur gibt, und wir müssen eine Primary-Secondary-Struktur haben, um ein Poly-Paar zu sein! (Hmm. Also bezieht sich dieser Punkt am Ende vielleicht doch auf meine anderen drei Punkte.)

All dies schafft eine Situation, wo Polyamorie als hipper neuer Trend vorgestellt wird, den junge, hippe Heteros ausprobieren, und Junge, Junge, wie stolz sie darauf sind! Unnötig zu sagen, dass all dies von Ahnungslosigkeit Schwule betreffend bis hin zu geradezu beleidigend variiert.

Die Mainstream-Medien haben den Wunsch, Bilder von Menschen zu zeigen, die Poly, niedlich, jung und weiß sind, und wir bekommen immer ein sehr begrenztes Bild. Die Zeitschriften wollen Leute präsentieren, die auf konventionelle Weise so attraktiv wie möglich sind, zwischen 20 und 40 Jahre alt, und so gut wie nie anderen als der kaukasischen Rasse zugehörig (es sei denn, sie sind Farbige, die, du weißt schon, wirklich exotisch und sexy sind, wie Schwarze voller Glut, oder wunderschöne asiatische Frauen). Das ist eine Schande, weil die Geschichten von Menschen, die in ihren 60ern und 70ern sind, ganz erstaunlich anzuhören wären. Und nein, nicht alle Polys sind weiß, aber wenn „weiß“ das einzige Bild ist, das die Leute von Poly sehen, schafft dies sicherlich eine Barriere, die Farbige entmutigt, sich als potentielle Polys zu betrachten.

Die Medien sind auch höchst interessiert am „sexy“ Faktor. Die starke Wirkung, die die Kamera-Freundlichkeit einer bestimmten Person auf die Bereitschaft der Medien hat, diese zu präsentieren, darf nicht unterschätzt werden. Und damit kommt der Zwang, so viel wie möglich zu sexualisieren. Ich werde zum Beispiel nie vergessen, was geschah, als ich vor etwa zehn Jahren im Châtelaine-Magazin mit einem Partner vorgestellt wurde. Der Fotograf übte ziemlichen Druck auf mich aus, für die Aufnahmen mein Top auszuziehen und versicherte mir dabei, das wäre geschmackvoll. Als ich ihn fragte, warum er einen Blickwinkel wähle, der Haut zeige, antwortete er: „ Weil du nicht häßlich bist. Es ist wirklich schwierig, Leute zu fotografieren, die häßlich sind.“ Ähm, danke? Meine Bluse blieb zu, aber, offensichtlich jung, weiß und niedlich, waren wir immer noch das Ereignis des Tages, denn sie räumten meinem Bild immer noch mehr Platz ein als den anderen Leuten, die in dem Artikel vorgestellt wurden. Du weißt schon, den „Häßlichen“. Igitt.

Versteh mich nicht falsch. Sex und Anziehung sind erhebliche Kräfte in Poly-Beziehungen. Dagegen ist nichts zu sagen, und ich sehe keine Notwendigkeit, dir all dies „es geht nicht um den Sex“ zuzumuten. Es geht um den Sex, zumindest für die meisten von uns. Aber es geht nicht nur um den Sex. Ginge es nur um den Sex, wäre es nicht Polyamorie – es wäre in der Gegend herumschlafen, was prima ist, aber in der Regel nicht verpflichtend und romantisch. Wenn es nie um Sex ginge, wäre es ebenfalls nicht Polyamorie – wir wären nur ein paar Freunde, was ebenso prima ist, aber in der Regel ebenso wenig romantisch, wenn auch möglicherweise verbindlich. Aber die Medien sind wirklich schlecht im Wahren dieser Balance. Der Mainstream ist eher an Orgien interessiert, daran, wer mit wem und wie oft schläft, und Wow! Dreier! Und habe ich erwähnt, jung, niedlich und weiß?

Diese Artikel versuchen uns eine Fantasie von konventionell gut aussehenden Leuten zu präsentieren, mit leckerem transgressivem (aber nicht beängstigend transgressivem) Sex, während sie so dicht wie unter diesen Umständen nur menschenmöglich innerhalb der Grenzen konventionell paar-basierter Beziehungsgebilde bleiben. Diese Fantasie verkauft sich. Das tut dem Rest von uns keinen Gefallen.

- Ich füge nun (eine Woche nach dem ursprünglichen Beitrag) diesen Abschnitt hinzu, weil jetzt ein paar Leute die Frage aufgeworfen haben, warum ich die Abkürzung LGBQ ohne das T für transgender/transsexuell benutzt habe. Beim Versuch, meinen Blick eng auf das Thema „Polynormativität“ als der medialen Darstellung eines bestimmten Beziehungsmodells zu richten, und auf die Probleme sowohl des Modells als auch seiner Darstellung – wobei „eng“ schon ein bisschen weit hergeholt ist angesichts der Länge dieses Posts – bin ich nicht auf die breitere Liste der Wege eingegangen, auf denen Polynormativität andere Arten der Auslassungen und Normativitäten unterstützt. Diese editorische Wahl treffend, mag ich selbst verschiedene dieser Auslassungen fortgesetzt haben. Das verlangt natürlich nach einer Klärung. (Einiges des nun Folgenden erscheint in den Kommentaren, so dass ihr es wiederholt sehen werdet, wenn ihr diese auch lest.)

Also gut: ich fühle mich zunehmend unwohl mit der Abkürzung LGBTQ, weil die Einführung eines T für „Transgender“ (einer geschlechtlichen Identität) am Ende einer Liste von Buchstaben, die für sexuelle Orientierungen stehen (nicht für Geschlecht), eine zwangsläufige Ungenauigkeit in sich trägt. Schwule, Lesben, Bisexuelle und queere Menschen können trans sein oder nicht-trans, und transsexuelle Menschen können natürlich schwul, lesbisch, bisexuell oder hetero (und sonst wie) orientiert sein. Nicht alle Transsexuellen fühlen sich schwuler, lesbischer, bisexueller oder queerer Politik verbunden, oder den entsprechenden Gemeinschaften, und nicht alle Menschen mit einer Geschichte des Übergangs haben das Bedürfnis, sich offen als transgender zu bezeichnen, selbst dann nicht, wenn sie sich als schwul, lesbisch oder queer identifizieren. Ich habe kein Problem damit, LGBTQ zu benutzen, um beispielsweise einer Zeitschrift oder einer Gruppe oder einem Ausschuss oder was auch immer, den Sachverhalt zu beschreiben, vorausgesetzt, das Unternehmen dient tatsächlich all den Leuten, die durch diese Abkürzung repräsentiert werden, statt nur zu versuchen, besonders progressiv zu wirken. In diesem Beitrag spreche ich über Orientierung, nicht über Geschlechtsidentität, so dass es sich ungenau anfühlte (und immer noch ungenau anfühlt), das T in diese spezifische Liste aufzunehmen.

Aber das bedeutet nicht, dass Trans-Menschen keinen Platz in dieser Diskussion hätten. Ganz im Gegenteil. Das polynormative Modell setzt auch Zisnormativität fort, und das auf zweierlei Weise. (Zisnormativität ist die Idee, dass alle Menschen bei ihrer Geburt einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden und sich später immer noch mit diesem Geschlecht identifizieren und im Ergebnis eine „angemessene“ geschlechtliche Identität ausdrücken, und dass alles andere seltsam oder schlecht ist.) Eine Folge ist das Element der medialen Repräsentation – Trans-Menschen tauchen in der medialen Repräsentation des Mainstreams von Polyamorie kaum auf. Das ist Zisnormativität durch Auslassung. Der andere, komplexere Teil wird deutlich, wenn wir ein wenig tiefer in die Betrachtung der Regel „Ein Penis pro Party“ einsteigen, und darin, wie wir sexuelle Orientierung verstehen. „Ein Penis pro Party“ beruht auf der Idee, dass „Penis“ als Kurzform für „Mann“ verwendet werden kann, weil Männer immer Penisse haben, und weil nur Männer Penisse haben. Dies berücksichtigt natürlich nicht die Erfahrungen zahlreicher Transsexueller, für die Genitalien und Geschlecht nicht übereinstimmen, sei es, weil sie Männer sind, die nicht mit Penissen geboren wurden, oder weil sie Frauen sind, bei denen es andersherum war (unabhängig davon, wie die Genitalien einer Person am jetzigen Punkt ihres Lebens aussehen, oder welche Worte sie für sie verwenden).

„Ein Penis pro Party“ beruht im weiteren Sinne auch auf der Idee, dass Männer und Frauen natürlicherweise auf irgendeine essentielle, grundlegende, biologisch basierte Art voneinander unterschieden sind, so dass die (in diesem Fall sekundäre) Beziehung mit einem Mann substanziell anders sein wird als die mit einer Frau, weil eben mit einem Mann, bzw. anderenfalls, weil eben mit einer Frau. Diese Idee endet an diesem Punkt, weil sie von vornherein definiert, wie die Beziehung sein wird – wie „echt“ der Sex sein wird, wie intensiv die Gefühle überhaupt sein können, und wie „sicher“ es infolgedessen ist, einem Hauptpartner zu „erlauben“, sich in dieser Beziehung zu engagieren. Dies gilt nicht für die mögliche Anwesenheit von Transsexuellen in dieser Gleichung. Aber auch, wenn dieses sich aus irgendeinem Grund in einer gegebenen Situation nicht verwirklicht, spricht das für einen Gesichtspunkt, in dem Frauen und Männer natürlicherweise wegen ihrer Anatomie entweder dies sind oder jenes. Dies hält, als ein konzeptionelles Modell, Transsexuelle – selbst wenn du keinen kennst (dies zur Kenntnisnahme!) und auch keine Gelegenheit hast, einen kennenzulernen – in den Schubladen fest, die ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurden. Es impliziert, dass das Geschlecht, zu dem sie sich entwickelt haben, irgendwie weniger real oder gültig ist. Dies betrifft auch das weite Spektrum der Leute, die nicht trans sind – ob zissexuell, oder, wie ich, gender-fluid oder sonst irgendetwas in der nicht-binären Spannbreite –, festgelegt auf die ihnen bei ihrer Geburt zugewiesenen Schubladen, darauf bestehend, dass diese Schubladen darüber bestimmen, wer wir sind, wer wir sein können, wie wir ficken können, und wie es ist, mit uns romantisch verbunden zu sein. Letztlich verletzt Zisnormativität jeden. Die Leute enden meist in hohem Maße beschädigt als diejenigen, die höchstmöglich sichtbar unterscheidbar sind, was oft Trans-Frauen betrifft. Aber Zisnormativität ist keineswegs „nur“ ein Trans-Thema. Dies ist ein Thema, um den Raum zu schaffen für alle von uns, so zu sein, wie wir sein wollen.

Wie jedes normative Modell arbeitet Polynormativität im Zusammenspiel mit einer Reihe anderer normativer Modelle, um – wenngleich selten ausdrücklich – in den Köpfen der Menschen ein umfassendes Bild darüber zu schaffen, wie die Welt funktioniert, darüber, wer zählt, und wer nicht, darüber, was wirklich ist, und worüber es nicht lohnt sich Gedanken zu machen. Als solches Bild, zusätzlich zu den Fragen der Rasse, des Alters und Orientierung, wie ich zuvor ausgeführt habe, und des Geschlechts, wie ich es hier konkretisiert habe, geht dies Hand in Hand mit anderen problematischen Vorstellungen. Vorstellungen darüber, was Familie ist oder sein sollte, und wie Kinder als Gleiche funktionieren können oder sollten; Fragen von Krankheit/Gesundheit und Vermögen/Unvermögen, den Status sexuell übertragbarer Krankheiten einschließend; Fragen der gesellschaftlichen Klasse und ökonomischen Position; und eine Reihe anderer. Aber, wie schon ein Kommentator anmerkte, dies ist ein Blog-Post und nicht ein Buch. Und doch…

Ende des neuen Abschnitts!

In der Summe habe ich drei wesentliche Probleme mit Polynormativität.

Erstes Problem: das polynormative Modell ist irgendwie beschränkend. Vielleicht könnte es, iiirgendwieee, für einige Leute funktionieren – ich will nicht soweit gehen zu sagen, dass könnte es auf gar keinen Fall. Aber es geht mit einer Vielzahl von Problemen einher für all diejenigen, die damit zu tun kriegen, am ehesten bemerkbar für diejenigen mit der schwächsten Stellung innerhalb einer Beziehungsstruktur, doch ebenso in subtilerer und heimtückischerer Weise für diejenigen, die an einem privilegierteren Platz in dieser Struktur stehen. Meine Güte, was meint ihr, das ist doch so ziemlich dasselbe wie in jedem System der Privilegiertheit / Unterdrückung! Ich werde wohl aufhören, kurzerhand polynormativen Leuten zu sagen: „Hey, ihr macht es falsch!“, aber, naja, ehrlich? Weit davon entfernt bin ich nicht. Mag sein, näher an: „Ihr überseht den entscheidenden Punkt.“

Wegen dieser Haltung, vermute ich, könnte ich einige wütende oder defensive Kommentare einer Menge polynormativer Leute erhalten, die sich ganz toll mit ihrem Modell fühlen. Denen möchte ich folgendes sagen: wenn du ein Teil eines Primary-Paares in einem polynormativen Modell bist, und dein(e) „Secondary“-Partner verteidigen dieses Modell genauso vehement wie du, oder sogar noch mehr – keine Verteidigung von euch als Individuen, oder Eurer Beziehung, sondern des polynormativen Modells als solches – ohne irgendetwas auszulassen oder ein wenig zu flunkern, um keine Konflikte zu riskieren oder oder dich als Partner zu verlieren, dann fällst du unter die Minderheit derjenigen polynormativen Leute, für die dieses Modell tatsächlich funktioniert, und zwar super gut für alle Beteiligten. (Und ich meine Alle. Wenn es nur für das Primary-Paar wirklich gut funktionieren sollte, dann funktioniert das Modell gar nicht.) Wenn du in dieser Weise verbunden bist, dann gibt es keinen Grund, in Verteidigungshaltung zu gehen – dann kritisiere ich dich nicht wirklich und in keiner Weise. Wenn dies jedoch nicht der Fall ist, gib deine Verteidigungshaltung auf und denke ernsthaft über die Kritikpunkte nach, die ich hier dargelegt habe.

Falls ich beginnen sollte, in den Mainstream-Medien eine Fülle an Zeugnissen von glücklichen, erfüllten Secondary-Partnern dahingehend zu sehen, wie genial das Primary-Secondary-Modell ist… Wenn diese Secondaries beginnen, die neuesten Hits an Polybüchern zu schreiben und dort Rat geben, die Hauptrollen in Reality-TV-Shows haben, und dies alles als Secondaries tun (nicht als Leute, die gelegentlich für jemanden Secondary sind, aber das ist alles okay und ausbalanciert und fair, weil sie ausserdem für jemand anderen Primary sind)… dann sollten sie ihr Gesicht in Photos zeigen, ihren vollen und realen Namen in Artikeln verwenden, und sich generell nicht im geringsten komisch fühlen angesichts ihrer Position in diesen Poly-Strukturen direkt neben den Primary-Partnern, die als solche dargestellt werden… wenn dies nicht eine gelegentliche Ausnahme, sondern die übliche Weise der Repräsentation ist, die ich von und über Secondary-Partner sehe… dann werde ich möglicherweise meine Haltung hier ändern. Ich halte aber nicht die Luft an.

Zweites Problem: die Medien präsentieren diese Normen als, nun ja, Normen. Als den Königsweg, poly zu leben. Im besten Fall gibt es eine kurze Erwähnung, dass einige Leute Poly auf eine andere Weise leben, irgendwo da draussen, und wir verstehen sie nicht wirklich, oder möglicherweise sind diese Formen zu kompliziert für uns, um sie in einem 1000-Worte-Artikel zusammenzufassen. (Triaden! Quartette! Familien! Ws und Xs und Buchstaben aus dem griechischen Alphabet und Konstellationen und Ökosysteme! Das ist alles so unheimlich. Und außerdem ist Mathe schwierig.)

Doch in der Regel werden „andere“ (oh, guck dir diese Konstruktion an!) Arten von Poly überhaupt nicht erwähnt. Es gibt diesen einen Weg, und hier ist er! Ist das nicht großartig? So tapfer! So ungewöhnlich! Wirklich sehr innovativ, meinst du nicht auch? Ob nun beabsichtigt oder nicht, endet dieser Ansatz in einer Abflachung des Bildes von Poly, der Darstellung in einfachsten, verdummenden Begriffen. Es ist kein Zufall, dass diese Version von Poly diejenige ist, die am meisten der ein-Mann, eine-Frau, heiratsbasierten, kernfamilienartigen Form ähnelt, von der uns allen erzählt wurde, dass wir sie anstreben sollten. Alles, was wir getan haben, ist, die Regeln um den Sex herum etwas zu lockern, und im Gegensatz (doch nicht zu sehr im Gegensatz) zur Swinger-Ethik, „erlauben“ wir auch dem emotionalen Ende der Dinge zu existieren in dem Sinne, dass wir Beziehungen haben und nicht „nur“ bumsen. Aber nicht die Art von Beziehung, die das „Primary“-Paar „bedrohen“ (?!) könnte. Nicht mit Leuten, die, Gott bewahre, Forderungen an einen oder beide von uns stellen könnten, oder uns behelligen, oder mitreden wollen, wie die Dinge zu laufen haben. Denn dann, nicht wahr, bekommen sie einen Tritt, weil die Primaries schließlich zuerst kommen! Darauf können wir uns doch alle einigen, oder? Natürlich. Das ist die Essenz der primären Beziehungen. Dies ist ziemlich klar in seiner Terminologie. Eine Person kommt zuerst, die anderen nicht. Dies ist der Grund, warum der Mainstream Poly überhaupt in den Kopf bekommt: weil es, auf diese Weise verstanden, wirklich nicht so grundverschieden von Monogamie ist.

Drittes Problem: diese ganze Sachlage wirkt sehr nachteilig auf die Neulinge. Wegen dieser überwältigenden Schieflage in der medialen Darstellung werkeln eine Menge Leute, für die Poly neu ist, mit großen Schwierigkeiten vor sich hin.

Ich bin nicht gerade jemand, der die Vergangenheit idealisieren würde, aber Junge Junge, was war das für ein Unterschied gegenüber der Zeit vor zehn oder fünfzehn Jahre. Wenn du zu meiner Zeit (ha!) etwas über Poly lernen wolltest, gab es nur eine Quelle: „The Ethical Slut“ von Dossie Easton und Catherine A. Liszt (als welche Janet Hardy zu der Zeit bekannt war). Das war in Ordnung. Nicht perfekt. Stark schräg in Richtung Sex-Party-Besucher-Bay Area-Müsli-Typen und geschrieben in solch einer bodenständigen Sprache, dass es über niemandes Kopf hinweggehen würde, aber insgesamt ziemlich solide, und sehr zum Nachdenken anregend. Deborah Anapol’s „Polyamory: The New Love Without Limits“ war nicht annähernd so populär oder sexy, aber es wurde zu einem ziemlichen Klassiker und beleuchtete einen anderen Blickwinkel. Und, na ja, das war es dann. Jenseits dessen gab es ein paar Online-Diskussionsforen und möglicherweise, wenn du in einer großen Stadt lebtest, lokale Real-Life-Polygruppen. Das bedeutete, dass, wenn du herausbekommen wolltest, wie du Poly leben könntest, du das meiste selbst ausprobieren musstest (was ein gute Sache sein kann, wenn auch besonders anspruchsvoll); dass du mit Leuten aus deiner lokalen Gemeinschaft sprechen musstest, die vielleicht recht klein war, aber wahrscheinlich auch ziemlich warm und unterstützend, oder irgendwo weit weg eine Konferenz besuchen musstest, die eine Gruppe von Leuten zusammenbrachte. Und diese Leute lebten vielleicht auf alle möglichen Arten poly, mit Primary-Secondary als bloß einer davon. (Schon damals war das verdammt gebräuchlich, so dass ich nicht sagen möchte, Polynormativität sei völlig neues Problem – es ist nur schlimmer denn je.)

Jetzt kannst du jedoch „Polyamory“ googlen und eine ganze Menge an nahezu identischen polynormativen Hype-Artikeln erhalten, und du kannst dich mit Leuten aus deiner Gegend treffen, die dieselben Artikel gelesen haben wie du gerade, und ihr könnt alle zusammenkommen und in genau der Weise poly leben, die die Medien euch erzählt haben. Und falls das alles ist, worum du dich jemals bemühst, verkaufst du dich grundsätzlich unter Wert. Du handelst in der monogamen Norm für Polynormativität, was, relativ gesprochen, gar nicht so weit hergeholt ist, und hörst an diesem Punkt auf, weil du denkst, dass das alles ist (und hast bereits eine ganze Reihe cooler Punkte ausser Acht gelassen). Du wirst nicht ermutigt, über diese ganzen Punkte ohne irgendwelche vorgefertigten Modelle nachzudenken, was bedeutet, du wirst nie herausfinden, was gerade jetzt am besten für dich passen würde. Als solches geht das grundlegendste Element von Polyamorie überhaupt – den monogamen Standard zurückzuweisen und radikal die Bedeutung und das Leben von Liebe, Sex, Beziehungen, Verbindlichkeit, Kommunikation und so weiter zu überdenken – verloren zugunsten eines Schnipsel-Rezept-Modells, das so einfach scheint wie eins-zwei-drei. Die tiefsten und allerwichtigsten Vorteile von Polyamorie werden durch diese mediale Repräsentation zunehmend verdeckt,und als Ergebnis gerät dies alles immer mehr ausser Reichweite für diejenigen, die gerade erst anfangen poly zu leben.

Ich möchte hier noch ein letztes Mal wiederholen, dass ich ein Problem mit dem polynormativen Modell habe und dem Beharren der Mainstream-Medien auf diesem – nicht jedoch mit einer bestimmten Beziehungsstruktur oder mit jedweden Leuten, die sie praktizieren. Ja, das polynormative Modell und die Primary-Secondary-Beziehungsstruktur überschneiden sich häufig, aber ich kann, wenn ich dich anschaue, nicht sagen, welche Prozesse, Werte oder Umstände dich zu deiner gegenwärtigen Struktur gebracht haben, oder warum du deine Begrifflichkeit gewählt hast, also kann und werde ich weder individuelle Leute noch Polygruppierungen kritisieren oder über sie urteilen auf der alleinigen Grundlage, dass sie eine Primary-Secondary-Struktur leben. Wenn dieser Beitrag nun ein Gefühl der Verteidigungshaltung in dir provoziert, dann lade ich dich ein, dich damit auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, warum es das tut.

Der Schlüssel ist hier die Unterscheidung zwischen Philosophie und der gegenwärtigen Situation oder Praxis. Dies ist so ähnlich wie die Tatsache, dass die sexuelle Orientierung und die aktuelle gegenwärtige sexuelle Praxis nicht ein und dasselbe sind. Du kannst zum Beispiel homosexuell sein und gerade zölibatär, oder bisexuell, aber dieser Tage nur Sex mit Frauen haben, oder fundamental hetero, doch in Verbindung mit jemandem des gleichen Geschlechts (obwohl mir klar ist, dass dies einige letztlich werden ausdiskutieren wollen). Wenn es polyamor wird, wird es manchmal ungeachtet deiner Philosophie in einer bedeutenden Beziehung mit Zusammenleben enden, gleichzeitig jedoch auch in einer oder mehreren weniger ernsthaften oder weniger verbindlichen oder weniger intensiven Beziehungen als dieser einen. Es ist das polynormative Gedankengut, mit dem ich ein Problem habe, nicht mit einer Form einer gerade gegebenen Polybeziehungskonstellation.

Falls du das polynormative Modell erweitern möchtest, kann ich einige Lektüre empfehlen. Lies zuerst Wendy-O-Matiks „Redefining Our Relationships“. Dann probiere es mit Deborah Anapols „New Polyamory in the 21st Century: Love and Intimacy with Multiple Partners“. (Ich selbst habe es bis jetzt nicht vollständig gelesen, aber die Auszüge, die ich gesehen habe, lassen mich annehmen, dass Dr. Anapol eine Menge wirklich kluges Zeug über nicht-polynormative Modelle zu sagen hat, obwohl ich nicht denke, dass sie diesen Begriff speziell benutzt.) Verbringe einige Zeit mit dem Lesen von Franklin Veaux. Lies meine 10 Regeln für eine glückliche Nicht-Monogamie. Wenn du D/s- oder M/s-Beziehungen lebst, lies Raven Kalderas Power Circuits: „Polyamory in a Power Dynamic“ (komplette Enthüllung: ich habe einen Aufsatz dazu beigetragen). Suche nach Informationen, Ideen, Arbeiten, die dich zwingen, gründlich und angestrengt nachzudenken, baue deine Fähigkeiten aus und weite dein Herz. Die Lösung ist da draußen. Du bist am Zug.

texte/das_problem_mit_der_polynormativitaet.txt · Zuletzt geändert: 21.02.2016 22:07 von Rainer Tolle

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