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Abschaltung Treffenliste

Vor 10 Jahren übernahm ich die Pflege der polyamory.ch Webseite, über die Zeit hatte ich viele gute Kontakte mit Menschen aus aller Welt, besuchte selbst viele der Stammtische und Treffen.
Es wurden immer mehr Treffen, immer weniger erfuhr ich davon, fand auch selbst neben Job und eigenem Leben Zeit, mich mit der notwendigen Musse um die Seite zu kümmern. Unterstuetzung war da, jedoch nicht in einem Masse, die eine umfassende Liste der Deutschsprachigen Treffen benötigen würde.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Liste der Treffen und den Kalender per Ende Juni 2018 einzustellen und zukünftig auf polyamory.de zu verweisen. Der Rest dieser Site bleibt bestehen, sei es als Inspirationsquelle von Besuchern, sei es als Archiv der jungen Polykultur im Deutschsprachigen Raum um die Jahrtausendwende.

Beat Rubischon <beat@0x1b.ch>
polyleben:rainer:nenn_mich_36

"Nenn mich 36"

Drei Haare gehen ihrer eigenen Wege, flirren im Gegenlicht der Sonne, rötlich, individualistisch isoliert. Aber hüftlang wie die anderen; Ewigkeit des Haares, Vergänglichkeit des Lichtes oder so.

Siebenhundert Intellektuelle beten einen Ölturm an:
Nicht Geheimnisse sind in Deinem Innern.
Sondern Öl.
Was bedeutet Dir ein Gras?
Wo gestern noch ein Gras war, da bist jetzt Du.
Du sitzest darauf…

Und dann noch dieses:
Nicht unendlich bist Du,
Sondern sieben Meter hoch,
Und vor Dir ist ein Gefühl
Nichts!

Nein, nein, so ist’s nicht gemeint, das wäre ja schon leicht zynisch. Und sie ist ja auch gar nicht dick wie ein Ölturm, sondern schlank und hübsch anzusehn – alle Achtung! Ölturm! Manchmal denk ich, ich bin reif für die Klappsmühle…

„Woran denkst Du gerade?“
Auch an ihre Stimme habe ich mich verdächtig schnell gewöhnt.
„Nichts!“
„Man kann nicht „nichts“ denken!“
„Ich denke daran, wieso ich dich vor einer guten Stunde angesprochen hab.“
„Naa – der Park, Sonntag, die Frühlingssonne…“
„Nein!“ heftig ich, „Nein, das ist es nicht!“
„So?“
„Nein. Normalerweise sprech ich keine Mädchen im Park an.“ Und bedeutungsvoll grinsend: „Und schon gar nicht so hübsche wie dich!“
„So?!“ Gut gespieltes Erstaunen ihrerseits, bewusst übertrieben, aber wohltuend.
„Jaa – wenn ich ein Mädchen seh, das so gut aussieht wie du, da denk ich immer gleich: ‚Laß es, du hast sowieso keine Chance’.“
„So so…“
„Ja.“

Und siebenhundert Intellektuelle
beten
einen Ölturm
an.
Von Berthold Brecht.

Stille.
Nein, keine: entfernte Autos brausen, Vögel zwitschern, die Enten schnattern, wenn sie ihnen ein Stück Brot hinwirft; man hört die Leute reden, welche hinter uns promenieren: Schritte auf kiesbestreuten Wegen – nein, nicht Kies: Rollsplitt.

Stille.
Wenn man absolut nichts hört, das ist dann keine Stille. Das schreit und brüllt und tobt dann lautlos. Aber dieses ist Stille.

„Ich hab dir eben nicht ganz die Wahrheit gesagt, woran ich gedacht hab und so.“
„Und?“
„Ich hab an isolierte Individualisten gedacht, und an siebenhundert Intellektuelle, die einen Ölturm anbeten.“
„Von Brecht?“
„Ja. Kennst Du’s?“
„Habs mal gehört. Im Radio.“

Pause.

„Und?“ frage ich.
„Was ‚und’?“
„Na, wie ich darauf komme. Fragst du dich das nicht?“
„Nö. Es gefällt mir.“
„Hm.“
„Ja!“
Sie steht auf, knappe Jeans, niedliche Schuhchen.
„36?“
Sie lacht: „37. Komm, ich hab keine Lust mehr.“
„Momentchen, ich muß erstmal aufstehen…“ Die Beine zwicken etwas, vom Schneidersitz. „Und wohin jetzt?“
„Egal! Weiter!“

Weiter auf abseitigen Wegen, Laub des letzten Jahres, dürre Zweige, die knacken und knistern, wenn man darauf tritt. Unten marschieren elastisch die Beine, ganz Frühling. Zwei Füße in ihrem Gehäuse, Größe 42, nicht so niedlich, klein und fein wie ihre. Fuß A und Fuß B. Immer überholt einer den anderen. Wenn der eine die ganze Körperlast trägt, ist die Entfernung zwischen ihnen am geringsten. Aber der eine arbeitet gerade schwer und der andere schwebt leicht dahin. Wenn dann beide etwa gleich viel zu tun haben, ist der eine vorn, der andere hinten, die Entfernung zwischen ihnen am größten. Nie erleben sie etwas gemeinsam.

„Pendelten also die Füße im ewigen Wettstreit und trugen mich durch den Frühlingswald,“ sage ich.
„Was?!“
„Na – achte mal drauf, was deine Füße unter dir veranstalten.“

Pause.

Schließlich: „Na, sie bewegen sich, immer abwechselnd.“
„Na siehste, sag’ ich doch.“

Nochmal Pause.

„Na weißt du, da muß man aber auch erstmal drauf kommen.“
„Sicher. Aber du kannst mir ja auch ein Rätsel aufgeben.“
„Moment! – Weiß nichts.“
„Ha: der Sieg des Intellekts über das Weib!“
Sie sieht mich nur an. Spricht listig: „Wie alt schätzt du mich?“
Oh verdammt. Wenn ich sie zu alt schätze, wird sie sagen: ‚mein Herr, ich muß mich doch sehr wundern. Etwas Höflichkeit gedachte ich doch von Ihnen erwarten zu können…’ oder etwas ähnliches. Schätze ich sie zu jung, wird sie nichts sagen und denken, ich hielte sie für ein Gänschen. Sie wirkt jedenfalls recht jung.
Tja, da gibt’s nur eins, Flucht nach vorn!

„18!“ weiß ich mit absoluter Sicherheit.
„Na weißt du, das ist ja’n Ding…“
Jetzt bin ich aber doch ehrlich erschrocken: „Wieso, so verkehrt?“
„Nein – es stimmt,“ und fügt schnell hinzu: „Du Idiot!“

Zwei laufen durch den Wald. Im Bezirk Tiergarten, in Berlin, Insel in der DDR, in Europa, der Welt, Insel im All, Sonnensystem, Milchstraße, unser Universum – und was kommt dann?

„Woran denkst du jetzt wieder?“
„An den Grenzen unseres Universums war ich gerade.“
„Und? Wars da schön?“ mit einem so merkwürdigen Unterton in der Stimme, daß ich sie erstaunt ansehe.
Und: „Kannst du mal aufhören zu spinnen?“
„Wieso denn?“
„Da vorn fängt die Realität an.“
Tatsächlich: da vorn ist wieder die Stadt.
„Ja und?“ Ich sehe sie voll an: „Kann uns das jetzt nicht egal sein?“

Wir kommen unter Bäumen hervor; die Sonne scheint schräg und grell über den Platz. Autos hupen nervös, drängeln und quietschen mit ihren Reifen.

„Du – ich muß jetzt in den Bus hier. Ich möchte nicht, daß du mitkommst.“

Ich habe es geahnt: da finde ich ein Mädchen, das mir gefällt, rundherum und ohne Ausnahme. Und sie findet es wohl auch ganz nett, aber nicht mehr. Wahrscheinlich hat sie längst einen festen Freund und ist gerade drauf und dran ihren x-ten Korb zu verteilen.

„Ich weiß nicht mal deinen Namen“ sage ich.
Sie steht neben dem gelben Schild, das grüne „H“ ragt über ihr.
„Nenn mich ‚36’,“ sagt sie und sieht mich nicht an.

Langsam schaukelt der Doppeldecker heran. Ich kann es schon lesen: Linie 24.

„Hast du denn wenigstens Telefon?“
„Nein.“
„Wo wohnst du denn?“ Muß ich Idiot das wirklich noch fragen?
Jetzt sieht sie mich doch wieder an: „Welche Schuhgröße hast du?“
„42“
Sie lächelt etwas: „Bist du morgen abend um fünf wieder da am Ententeich, 42?“

Der Bus ist da, faucht Preßluftatem und sperrt seinen Rachen auf. Sie steht darin und sieht sich noch einmal kurz um: „Morgen, ja?“ Schnappt der Riese, der gelbe, die Kiefern zu, heult dieselnd auf und setzt sich schwerfällig in Bewegung.
„Morgen…“ sage ich.

Zurück durch den Tiergarten. Es ist sehr warm und still.

- * -

Sie sitzt da, wie sie gestern dagesessen hat, füttert die Enten. Die schnattern, wenn sie ihnen ein Stück Brot hinwirft.

Merkwürdig. Ich hatte den Feierabend kaum erwarten können, hatte extra schon um sieben angefangen mit der Arbeit, um gleich nach der Kernzeit aufhören zu können. Und nun gehe ich auf „36“ zu und wünsche mir, daß dieser Weg mit jedem Schritt länger werden möge. Das ewige Wechselspiel meiner Füße wird mir zum Verhängnis – wie denen da unten. Außerdem registriere ich verärgert, daß ich in Gedanken immer gleich so schön sentimental werde, wenn ich mich verliebe. Liebe sollte man sich, wenn überhaupt, dann nur am Telefon gestehen.

„Da bist du ja!“
„Bemerkenswert.“
„Was?“
„Dein Scharfsinn!“ 1:0 für mich.
„Du, heute nicht – mir ist überhaupt nicht nach Frühling.“
„Herrje, was ist denn los?“
„Setz Dich doch erstmal her, Mensch, und hör mir zu.“ Und sie sagt es so eindringlich, daß ich genau das tue. Dann kommt es aus ihrem Mund weicher: „Du, 42?“
„Ja?“
„Könnte es nicht… ich mein’, könnten wir es nicht dabei lassen? Ich mein’, nur so eine Waldfreundschaft?“

Das muß ich erstmal verdauen. Darum wohl gerät meine Antwort so reichlich sarkastisch: „Und voneinander wissen wir nicht Name noch Adresse, sondern nur unsere Schuhnummer, was? Romeo und Julia, sie konnten einander nicht finden. Sehr romantisch!“

Lange sagt sie nichts.

Na schön, ganz so war’s nicht gemeint, aber ich bin schon sehr lange allein, über ein Jahr, und habe es allmählich satt.

„Weißt du – ich hab ’nen Freund. Karl. Wir sind – na ja, wir sind schon sehr lange zusammen, wohnen zusammen.“
Und obwohl ich schon sowas geahnt hab, gibt’s einen kleinen Stich. Karl also.
„Und? Liebst du ihn?“
„Ich weiß nicht. Damals, als wir uns kennengelernt haben… Ich war 15, fast 16, und mit überhaupt nichts zufrieden. Alles war so gewöhnlich, so alltäglich, der ganze blöde Kleinkram, die Schule, Vorschriften zu Hause, weißt du.“ Sie schaut mich in wortloser Gebärde an, dann läßt sie die Arme sinken.
„Erzähl weiter,“ sage ich.
„Na ja, damals… Ich hab mich damals unwahrscheinlich für Bio interessiert, aber in Mathe war ich mies. Ich war in so ’ner Bio-AG und hab die ganzen Nachmittage nur dafür geackert. Bis meine Eltern gesagt haben, ich soll in Mathe was tun und in Bio wär ich ja sowieso gut. Ich hab damals ein größeres Mikroskop gebraucht. Ich hatte nur so’n kleines für 30 Mark, und ein stärkeres wollten mir meine Eltern erst schenken, wenn ich in Mathe ’ne zwei schriebe. Hab ich also einfach mit dem kleinen Mikroskop weitergemacht – bis das eines Tages weg war. Ich hab meine Mutter gefragt, und die sagte, ich soll Vati fragen. Und als ich den gefragt hab, da hat er gesagt, wenn ich in der nächsten Mathearbeit ’ne zwei schriebe, dann würde ich ein besseres kriegen.“

Sie macht eine kurze Pause und sieht mich ernst an: „Die hatten es mir einfach weggenommen. Mein Mikroskop. Das war – ach, es war einfach alles so beschissen damals.“

Sie schweigt einen Moment, dann hebt sie den Kopf, öffnet die Fäuste.

„Ja, und dann kam Karl. Er war in der gleichen Schule, aber er war älter als ich, 18, und kurz vorm Abi. Ich fand damals, er war anders als die anderen Jungen, ruhiger, und nicht so’n Angebegtyp. Das hat mir gefallen, ehrlich. Ich bin damals mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und einmal war meine Kette abgelaufen, da kam er auf seinem Moped vorbei . Hat mich gefragt, ob er mir helfen kann, und hat mir die Kette wieder aufmontiert. Hinterher hatte er ganz ölige Finger und ich hab ihm mein Taschentuch geben wollen. Da hat er nur gelacht und gesagt: ‚Die Schmiere von deiner Kette ist mir dafür zu schade.’ Und dann hat er sich die Hände an seinen Jeans abgewischt. Ich hab wohl gemerkt, daß er noch irgendwas wollte, und hab noch so rumgestanden und mein Fahrrad gehalten. Sogar etwas Herzklopfen hatte ich. Ja, und dann fragte er, ob er mich am nächsten Tag abholen könne. Ich hab gesagt, ‚Okay’, und dann ist er noch neben mir hergefahren. Damit er sieht, wo ich wohne, hat er gesagt. Na ja, und dann kam er immer, um mich abzuholen; in den Pausen waren wir zusammen. Er hatte unheimlich viel Verständnis, daß ich auf meine Eltern sauer war wegen der Sache mit dem Mikroskop. Er hat mich wohl auch mal in den Arm genommen, aber mehr nicht. Er war eben mein erster fester Freund und wußte das und verstand mich auch. Das fand ich toll von ihm. Immerhin war er schon 18 und ich wußte wohl, daß er noch mehr wollte mitunter. Und dann war mein 16. Geburtstag. Wenn ich Geburtstag hatte – das war immer in den Ferien – hab ich morgens immer lange im Bett gelegen, und dann kamen meine Eltern und haben mir gratuliert, und dann gings ins Wohnzimmer, da brannten schon die Kerzen und so. Und dann hab ich die Geschenke ausgepackt und Mutti hat ein Messer geholt, damit ich den Kuchen anschneiden konnte. An diesem Geburtstag war aber noch was. Es klingelte nämlich an der Haustür; Vati ging nachsehen und kam mit einem Paket zurück. In weißem Papier mit roten Herzen drauf. „Für – “ hier stockt sie einen Moment und sieht mich an: „Für ‚36’ von Karl,“ las Vati von der angehängten Karte ab. Ich habs aufgemacht – und was war drin? Das Mikroskop, ’ne teure Ausführung mit schwerem Fuß. Ich hatte ihm das schon oft im Katalog gezeigt.“

Sie hält einen Moment inne. Die Enten sind weg, seit das Brot alle ist. Sie wirft einen Stock ins Wasser. Der zieht immer weitere Kreise um sich. Es wird dämmerig und langsam kühl. Die letzten Spaziergänger gehen eiliger nach Hause und freuen sich auf das Abendbrot.

„Scheiße,“ sage ich.
„Was ist denn?“
„Ach, nichts. Ich werd wieder sentimental. Und deine Eltern, was haben die gesagt? Wußten die überhaupt von Karl?“
„Na ja, doch, jedenfalls, daß er mich immer abholte. Fanden sie ja auch gut. Daß da mehr war, haben sie vielleicht geahnt, ich weiß es nicht. Aber daß da soviel war, daß da nun das Mikroskop dastand, daß ihre Tochter wohl etwas älter und erwachsener geworden war, das ging anscheinend etwas über ihren Horizont. Vor allem wohl, daß es mit ihrer Erziehung nicht mehr so klappte, wie sie sich das vorgestellt hatten. Und Vati sah mich schon so komisch an: ‚Du rufst jetzt diesen Karl an,’ hat er gesagt, ‚und sagst ihm, es sei sehr nett gedacht von ihm, aber du könnest ein solches Geschenk unmöglich annehmen. Und dann packst du es wieder ein und wir schicken es wieder zurück.’ Mensch, ich hab gedacht, ich hör nicht richtig. Mutti hatte das anscheinend bemerkt, sie hat nämlich gesagt, ‚Hörst du nicht, was Vati gesagt hat!’ und hat dabei ihn angesehen. ‚Aber es ist mein Geschenk, Vati!’ hab ich laut gesagt. Weißt du, was er da geantwortet hat? ‚Ein für alle Mal, hier bestimme ich!’ ‚Von meinem Freund!’ hab ich dazwischengerufen. ‚Ich hab gesagt, du gibst es zurück!’, aber ich wollte nicht. Ich hab das Mikroskop genommen und bin rausgelaufen, auf die Straße, zu Karl. Vati hat mir noch was nachgerufen und Mutti hat geweint, und dann kam Vati noch hinterher, aber da war ich schon ganz weit weg. Und dann kam gerade der Bus, ich rein und der fuhr los. Ich hab hinten aus dem Fenster geguckt, da stand Vati an der Kreuzung, irgendwie richtig hilflos. Und ich hatte fast ein bischen Mitleid mit ihm.“

Sie macht wieder eine Pause.

„Du zitterst,“ sage ich. „War das so schlimm?“
„Ich weiß nicht, damals ja. Weißt du, ich hab damals gemerkt, daß ich überhaupt nichts hatte, was mir allein gehörte. In meinem Zimmer stand die Nähmaschine. Taschengeld hatte ich kaum: meine Eltern haben mir ja immer alles gekauft. Einmal habe ich mir einen Plattenspieler gewünscht. 14 war ich da. Ich hab keinen gekriegt: wir hatten ja einen, im Wohnzimmer. Und eigentlich, stimmt, eigentlich brauchte ich gar keinen Freund zu haben, meine Eltern waren ja oft genug zu Hause. Zu Hause: ‚warum muß sie denn überhaupt ins Kino, wenn wir doch Fernsehen haben’ und so. Darum bin ich wohl weggelaufen.“

Ein kleiner Wind nimmt ein Blatt auf und bettet es behutsam am Wurzelfuß der Eiche, fährt weiter und kräuselt an einer Stelle die Oberfläche des Sees. Der Himmel zeigt die apartesten Farben: lachsrot gen Westen, gelb, lindgrün, blau, ein kaltes Aquamarin. Spiegelt sich im Ententeich, der jetzt ein See geworden ist. Doppelleben der Dinge: tagsüber ein Teich, Tümpel, Weiher; abends ein See, ein Gewässer, still und erhaben.

„Erzählst du weiter?“
„Ja. Also Karl war da. Ich hab geklingelt und er hat selbst aufgemacht. Ich hab in der einen Hand immer noch das Mikroskop gehabt, und die andere hielt Karl nun ganz fest. Ich hab unheimlich geheult und – na ja, es war alles so gemein! Ich wollte nicht mehr nach Hause. Wir sind auf sein Zimmer. Er war allein zu Haus, weil Sonntag war. Ich hab mich aufs Bett gelegt und konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu heulen. Er hat immer wieder gefragt was denn los sei. Ich konnte nichts sagen und hab ihn nur umarmt. Und da mußte ich wieder heulen. Ich hab Karl gesagt, wie sehr ich ihn liebte; er hat mich auf die Augen geküßt und aufs Gesicht. Ich hab ihn zu mir runtergezogen und wir haben uns wieder umarmt. Und da war was komisches: Karl lag auf mir und wir haben immer mehr geschmust, und plötzlich merkte ich, daß ich immer noch das Mikroskop in der Hand hatte. Erst als Karl mir den Pulli auszog hab ich es auf den Boden gestellt. Wir haben zum ersten Mal miteinander geschlafen an dem Tag.“

Oben sind die ersten Sterne zu sehen; ein Kaninchen mümmelt etwas vom Gras.

„Und? Wie ist es dann weitergegangen?“
„Du, es war sehr schön. Und ich hab ihn wirklich geliebt – damals. Abends kamen dann seine Eltern. Die haben dann bei uns zu Hause angerufen und auch gefragt, ob ich bei ihnen im Haus schlafen dürfe, da es schon so spät sei. Ich hatte sie deswegen gefragt. Sie kannten mich damals schon gut. Da wollte mein Vater mich sprechen und erzählte mir was von zur Last fallen und daß das nicht ginge, und als ich partout nicht nach Hause kommen wollte, haben sie noch mal mit Karls Eltern gesprochen und dann durfte ich doch. Ich hab dann im Zimmer von Karls großer Schwester geschlafen, die war nicht mehr zu Hause. Später kam dann noch Karl und blieb bis zum Morgen bei mir.“

Wieder eine Pause. Es ist fast Nacht.

„Ich habe seit dem Tag mit meinen Eltern nie wieder richtig reden können. Später, als Karl zu studieren anfing, da hatte er eine eigene Bude. Ich war dann immer öfter bei ihm. Und an meinem 17. Geburtstag bin ich ganz zu ihm gezogen.“

Und Pause. Jetzt ist es ganz dunkle Nacht. Mit Mond und Sternen.

„Und heute?“
Sie lacht etwas: „Heute werd ich 19.“
„Und ich hab nicht mal ein Geschenk für dich!“
„Doch: du hast mir zugehört.“

Sie steht auf. Ja, laß uns gehen, zusammen in der Nacht, wo man nichts sieht.

„42?“
„Ja, 36?“
„Bitte versuch mich zu verstehen. Ich weiß noch nicht was wird. So viel ist sicher: ich wird Schluß machen mit Karl. Ich kann auch wieder bei meinen Eltern wohnen. Aber ich weiß noch nicht, ob ich nicht erstmal allein sein will, zu mir selbst finden und alles, weißt du?“

Rollsplit knirscht scharfe Kanten aufeinander, aneinander. Unter unserer Schuhe Sohlen.

„Liebst du mich denn gar nicht?“
„Mensch, verdammt noch mal, ich weiß es nicht, versteh doch!“

Eine Ente rappelt im Schlaf.

„Ich liebe dich,“ sage ich leise. „Ich will dich. Ganz. Ohne Wenn und Aber.“
„Hör auf, Mensch! Ich… – entschuldige. Ich… Gib mir am besten deine Telefonnummer. Ich ruf dich dann irgendwann an.“
„Okay, du.“ Ich reiße eine Seite aus dem Notizbuch, unter einer Laterne bleiben wir stehen. Ich male einen Kreis aufs Papier und schreibe „42“ hinein. Darunter 262 24 92. Dann gebe ich ihn ihr.
Sie sieht mich an: „Danke.“
„Ist doch gut. Du - …“
„Ich möchte jetzt, daß du da lang gehst und ich da.“
„36, ich…“
„Bitte!“

Ich sehe ihr nach, wie sie geht. Für immer. Dann drehe ich mich um. Fuß A und Fuß B. Erfüllen ihr und mein Verhängnis. Leuchtende Augentiere wälzen sich über den Damm, gönnen eines nicht dem anderen die Dunkelheit. Fressen Luft und Kilometer und Menschen, haben viele Mäuler, viele Vergaser, viele Reifen, viele Türen. Die Häuser speien die Menschen aus wie Fremdkörper. Ich wohne Nr. 36. 36 – Zufälle gibt’s, zum Kotzen. Und also wird auch mein Haus mich wieder ausspeien, nächtlings in eine Kneipe, auf der Suche nach der großen Liebe, die es nicht gibt. Alle suchen sie: fahren teure Wagen, tragen teure Kleidung, fressen teuer und verdauen. Alles ist ihnen lieb und teuer, was ihre Leere füllt. Liebe. Nichts kann ihnen diese ersetzen, und mit noch so vielem läßt sich diese Leere nicht füllen. Zugebaut haben sie diese Welt, den Erdboden asphaltiert, daß man sich nicht mehr auskennt, jeglichen Bezug verliert zu den Dingen. Die Menschen wissen nichts mehr von sich selber, fahren Auto, U-Bahn, Bus, aber sie haben das Laufen verlernt, das Rennen, Schlendern, Wandern. Nur hasten können sie noch. Sie sehen fern, sehen Werbung, Preise, Plakate, Kino, aber sie haben das hinsehen verlernt.

Klein und blaß steht ein Mond auf schwarzer Wolken- und Nichtwolkenkulisse. Wo sind die Tage, da es noch „der Mond“ war? Ein Betrunkener torkelt, umarmt innig den Laternenpfahl. Der rührt sich nicht. Rutscht er also ab, und weiter zum nächsten, eisenkalten. Lauf du nur, mich triffst du nicht.

36. Die Hausnummer, was sonst. Kunst am Bau: verbeultes Blech an der Wand des Eingangs. Raus die Schlüssel, auf das Schloß, und wieder zu die Tür. Ein Zimmer, das paßt wie die eigene Haut, mit Fenstern statt Augen, Telefon statt Ohren, Tür statt Maul. Ich Nahrung, Fremdkörper darin, und es würde mich nicht ausspeien, das Telefon braucht mich: Helmut ruft an wegen Stadtplanungsseminar. Dieses heißt man also Leben – und wird nicht mal rot dabei: vor Lüge. Geschirr waschen, spülen, abtrocknen. Radioprogramme: „… ihrer Omi wünschen alles Gute zum Geburtstag…“. Drehen, rauschen: „… die Sterne sagen, ich liebe dich, nur dich allein…“. Aus! Scheiße, wie können Sterne etwas sagen: die leuchten höchstens. Und wenns hoch kommt, strahlen sie.

Dann ein gewisser Mensch, ehedem auch „42“ genannt, quer über Tagesdecke mit orangen Streifen. Darunter ein Bett. Warten. Installationsgeräuschen. In den Wänden und im eigenen Corpus. Delikti. Wer wohl das Leben verbrochen hat? Brechen. Brecht. 700 Intellektuelle. Eher 700 000 000! Die’s glauben, oder glauben müssen.

Licht aus.
Kuß der Dunkelheit.
Judaskuß.
Gedanken aus.
Stille.
Die keine ist: Schreien, Brülen, Toben – lautlos.
Das Telefon brüllt. Die Gedanken wieder an: Helmut, Stadtplanung, Studium. Eine Hand bewegt sich an mir. Weil ich wollen will, denn das Gebrüll will. Reim dich oder ich freß dich! Plastikohr an Lippenmund. Plastikmund an Muschelohr. Mund und Ohr mit Plastikrohr verbunden, bananenförmig gekrümmt, glatt, praktisch. Ohne Kopf dazwischen und Gehirn, nur Organ, nicht Seele. An Spiralschnur. Die etwas durchhängt.

„Rainer.“

Stille

„Wer ist denn da?!“
„Ich. Rainer heißt du also. Und ich heiße Marita.“

polyleben/rainer/nenn_mich_36.txt · Zuletzt geändert: 11.04.2008 23:51 (Externe Bearbeitung)

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