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Abschaltung Treffenliste

Vor 10 Jahren übernahm ich die Pflege der polyamory.ch Webseite, über die Zeit hatte ich viele gute Kontakte mit Menschen aus aller Welt, besuchte selbst viele der Stammtische und Treffen.
Es wurden immer mehr Treffen, immer weniger erfuhr ich davon, fand auch selbst neben Job und eigenem Leben Zeit, mich mit der notwendigen Musse um die Seite zu kümmern. Unterstuetzung war da, jedoch nicht in einem Masse, die eine umfassende Liste der Deutschsprachigen Treffen benötigen würde.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Liste der Treffen und den Kalender per Ende Juni 2018 einzustellen und zukünftig auf polyamory.de zu verweisen. Der Rest dieser Site bleibt bestehen, sei es als Inspirationsquelle von Besuchern, sei es als Archiv der jungen Polykultur im Deutschsprachigen Raum um die Jahrtausendwende.

Beat Rubischon <beat@0x1b.ch>
polyleben:rainer:herbert_handikap

Herbert Handikaps Reise ins Innere

Als Herbert Handikap an diesem Morgen um halb acht die Haustüre öffnete, um sich auf den Weg zur Schule zu begeben, sah er, daß über Nacht der erste Schnee dieses Jahres gefallen war. Sofort vergaß er sein schlechtes Gewissen, das ihn plagte, weil er seine Rechenaufgaben nicht gemacht hatte.

Statt dessen sah er sich staunend um. Die Straße war wie mit Puderzucker bestreut. Zwischen den Häusern zu beiden Seiten hing dichter Nebel, so daß er kaum weiter als bis zur anderen Straßenseite sehen konnte. Langsam ertasteten sich die Autos mit Scheinwerfern ihren Weg. Die Leute hasteten in Mäntel gehüllt über die Bürgersteige. In der Luft hing ein Geruch nach angezündeten Kohlen und Briketts. Alles wirkte merkwürdig still und gedämpft, die Schritte der Leute, ihre Gespräche, die Motoren der Autos. Herbert Handikap machte sich auf seinen Weg.

Er mußte dabei, wenn er das Ende der Straße erreichte, an einem Platz vorüber, auf dem sich für gewöhnlich nichts befand als Unkraut, einige Ziegelsteine, ein verrosteter Kinderwagen sowie spärliches Gebüsch. Heute jedoch bemerkte er im Näherkommen, daß über Nacht wohl ein kleiner Zirkus hier sein Lager aufgeschlagen hatte. Jedenfalls bildeten sich aus dem Nebel allmählich die Umrisse eines schmutzig-weißen Zeltes heraus, das an einer Stelle einen dunklen, geöffneten Eingang hatte. Herbert zögerte, verhielt seinen Schritt. Die Kirchturmuhr schlug viertel vor acht. Er hatte also noch etwas Zeit. Nach einem weiteren kurzen Moment des Überlegens ging er entschlossen auf den Eingang zu. Langsam erkannte er ein Schild, welches über dem Eingang hing und die geheimnisvolle Aufschrift trug: „Reise ins Innere“. Herbert sah sich noch einmal schnell um; da er aber keinen von den Zirkusleuten erblicken konnte, beschloß er, sich kurz einmal im Inneren des Zeltes umzusehen. Er durchschritt den Eingang …

… und vergaß im selben Augenblick alles: den Schnee, den Nebel, die Schule, die Straße, den Platz, das Zelt, ja, er vergaß sogar, daß er Herbert Handikap war.

Er stand am Ufer eines riesigen Meeres, eines Ozeans. Über ihm spannte sich das weite Zelt eines weißen, feuchten Himmels: auch hier herrschte Nebel. Vor ihm, dort, wo die Wellen mit beständigem leisen Plätschern und Rauschen auf den Strand liefen, lag ein kleines Boot mit zwei Rudern darin. Ohne zu überlegen, schob er, der vergessen hatte, daß er Herbert Handikap war, das Boot ins Wasser, setzte sich hinein und begann aufs Meer hinauszurudern.

Viele Stunden ruderte er so, wurde aber nicht müde dabei. Trotzdem fragte er sich allmählich, ob er wohl irgendwann einmal irgendwo ankommen würde. Da erblickte er in der Ferne eine Insel, die sich aus dem Ozean erhob. Er hielt darauf zu und erkannte im Näherkommen, daß sich der Nebel gelichtet haben mußte, obwohl der Himmel immer noch von einem merkwürdig bendendem Weiß war.

Herbert, der ja nicht mehr wußte, wer er war, und darum auch nicht die geringste Angst verspürte beim Anblick dieses fremden Eilandes, erreichte die Insel. Doch als das Boot die Küste berührte, verwandelte das Holz seiner Planken sich blitzschnell zu Erde; aus den Rudern wuchsen Blätter und sie wurden im Handumdrehen zu zwei schlanken Birken. Herbert selbst saß nicht mehr auf dem Sitz seines Bootes, sondern auf einem Grasbüschel auf einer kleinen Landzunge der Insel und blickte aufs Meer hinaus. Noch etwas benommen stand er auf und wandte sich um, da er die Insel zu erkunden gedachte.

Wie aus dem Nichts stand vor ihm ein eigentümlicher Mensch. Er war sehr groß, etwa 1,85m, hatte aber äußerst schlanke und feine Glieder. Seine Gestalt war umhüllt von einem weiten, weißen, halb durchsichtigen Baumwollgewand. Einen Gegensatz zur Blässe seines Gesichts bildeten lange, blauschwarze Haare und große, dunkle, etwas traurige Augen.

„Wer bist du?“ fragte Herbert.

„Ich bin Iku aus dem Volk der Intellganer.“ antwortete das Wesen.

„Wohnst du hier?“ fragte Herbert weiter.

„Nicht hier, dort!“ antwortete Iku und zeigte mit dem Finger auf ein sich in der Ferne erhebendes Gebirge. „Dort ist meine Heimatstadt Mathemanth. Es war einst sehr schön dort.“

„Und jetzt?“ fragte Herbert.

„Ich bin der letzte Überlebende meines Volkes.“ sagte Iku und fügte dann hinzu: „Aber frage nun nicht mehr, komm mit mir. Ich will dir Mathemanth zeigen.“

Sprachs, drehte sich um und ging los. Herbert folgte ihm.

Sie zogen Stunde um Stunde durch eine weite Graslandschaft. Wieder bemerkte Herbert, daß er trotz des langen Fußmarsches nicht müde wurde. Das Gebirge lag immer noch in weiter Ferne, so vertiefte Herbert sich in die Betrachtung des Graslandes. Wie ein Meer wogten die langen, blaugrünen Halme und raschelten dabei leise in immerwährendem, heimlichen Geflüster.

Er mußte im Gehen dann doch eingeschlafen sein, denn auf einmal merkte er, daß sie schon hoch im Gebirge waren und einem kleinen Bach weiter aufwärts folgten. Vor ihnen machte das schmale Tal, durch welches der Bach eilte, eine letzte Biegung um einen Bergrücken; dahinter schien ein weiter Talkessel zu liegen.

Iku ging immer noch schweigsam vor ihm her. Jetzt drehte er sich um und sagte: „Gleich, nach dieser Biegung, sind wir in Mathemanth.“

Sie gingen jetzt nebeneinander, der Bergrücken kam näher und wich plötzlich zurück, da standen sie vor der Stadt. Riesige gläserne Türme erhoben sich da, in denen viele Fenster waren; sie wurden verbunden durch schlanke, weite, tiefblau schimmernde Brücken, die sich in großer Höhe kühn über goldglitzernde Straßen schwangen. All dies strahlte eine unfaßbare Ruhe und Klarheit aus, es war wie das Licht der aufgehenden Sonne.

„Dies ist Mathemanth?“ fragte Herbert atemlos.

„Dies war Mathemanth!“ entgegnete Iku traurig. „Jetzt ist es tot, keine Musik schwebt mehr in dieser Luft, keine Klänge mehr beleben unser Herz.“

Tatsächlich fiel Herbert nun auf, daß die Stadt wie ausgestorben war. Nirgends bewegte sich etwas, in der vollkommenen Stille konnte Herbert sein eigenes Herz deutlich schlagen hören. Und doch schien es, als warte die Stadt nur auf einen Anstoß, auf eine leise Berührung, um wieder zum Leben zu erwachen.

„Was für Klänge? Welche Musik?“ fragte Herbert.

„Oh, wenn ich sie doch noch einmal hören könnte, die heilige Musik von der silbernen Orgel im diamantenen Dom!“ rief Iku aus.

„Warum ist sie nicht mehr da, die Musik?“

„Ein Unglück, eine Krankheit ist über diese Insel gekommen.“ Iku hielt inne, sah Herbert ernst an: „Ich werde dir die Krankheit zeigen. Du mußt uns retten. Nur du vermagst es.“

„Ich?“ fragte Herbert erstaunt.

„Ja, du.“ entgegnete Iku. „Du wirst das schon verstehen, wenn Du erst mehr über diese Insel und ihre Krankheit weißt. Und über uns.“

„Über euch?“ Herbert sah Iku mit großen Augen an. „Ich denke, du bist der letzte deines Volkes?“

„Es gibt noch ein Volk!“ antwortete Iku. „Das heißt, wenn dort noch jemand lebt. Nur dann ist Rettung möglich. Denn von diesem Volk kamen die Melodien für unsere Musik.“

„Warum kommen sie heute nicht mehr, die Melodien?“ forschte Herbert.

„Die Krankheit hat unsere Insel in zwei Hälften zerrissen. Jenes Volk lebt auf der anderen Hälfte. Nichts kommt mehr von dort, nichts von hier kann mehr dort hin.“

„Was für eine Krankheit? Was für ein Volk?“ wollte Herbert wissen.

„Die Krankheit…“, entgegnete Iku langsam, als suche er nach passenden Worten. „Es sind Wesen, gewaltig und mächtig, aber innen völlig hohl. Sie haben furchtbaren Hunger, und um ihre Leere zu füllen, fressen sie an dieser Insel. Sie kamen eines Tages von jenseits der Welt und haben seit dieser Zeit einen tiefen Graben gefressen durch die Mitte unserer Insel hindurch.“

„Aber sind sie denn nicht irgendwann mal satt?“ fragte Herbert.

„Nein, denn was sie auch verschlingen, es wird in ihrem Inneren zu einem Nichts!“

„Und das andere Volk?“

„Sie sind jetzt von uns getrennt.“ sagte Iku.

„Wie heißt es, das andere Volk?“ wollte Herbert wissen.

„Sie sind die Emoten. Aber komm jetzt, laß uns gehen, ich will dir zeigen, was ich dir zeigen kann.“ Iku drehte sich um und ging wieder los, Herbert hinter ihm her.

Sie kamen über einen schimmernden Platz aus weißem Mamor. An seinem Rande stand ein gewaltiger Dom, in dessen Giebeln, Erkern und Türmchen sich das Licht in allen Regenbogenfarben brach. Herbert wollte wissen, ob dies der diamantene Dom mit der silbernen Orgel sei, doch Iku schwieg und ging rasch weiter. Allmählich wurden die Gebäude kleiner, und Herbert, der jetzt wieder neben Iku einherschritt, konnte sehen, daß sie sich auf einer breiten, goldenen Straße befanden, welche vor ihnen unter einem gläsernen Torbogen hindurch aus der Stadt hinausführte.

„Wo gehen wir hin?“ fragte Herbert.

„Wir gehen auf der Straße der Erkenntnis.“ war Ikus rätselhafte Antwort.

„Und wo führt sie hin, die Straße der Erkenntnis?“ bohrte Herbert weiter.

„Du fragst viel.“ erwiderte Iku. „Früher führte sie zur Stadt der Emoten - wenn man das eine Stadt nennen kann. Heute aber endet sie an dem tiefen Graben, der diese Insel teilt. Sie endet an der großen Krankheit, an den hohlen Wesen. Das Volk der Intelganer hatte einst diese Straße geschaffen, es war unser Weg zu den Emoten.“

„Hast Du schon einmal eins von diesen furchtbaren Wesen gesehen?“ fragte Herbert. „Wie heißen sie?“

„Oh ja, viele habe ich gesehen. Sie haben keine einzelnen Namen, sie nennen sich selbst ‚Meruben', das heißt in deiner Sprache: ‚die Persönlichkeiten'. Der Name ihres Volkes ist ‚Argalaan', du würdest sagen: ‚die große Angst'. Sie sind verschieden von Gestalt und Körpergröße; es gibt unter ihnen kleine Persönlichkeiten und - “ hier schauderte Iku leicht, als fürchte er sich, es auszusprechen, „große Persönlichkeiten.“

Herbert schwieg nachdenklich. Das schienen ja recht gefährliche und finstere Gestalten zu sein, diese „Meruben“ oder „Persönlichkeiten“. Besonders die großen.

„Müssen wir hier lang?“ fragte Herbert. „Gibt es keinen anderen Weg?“

„Ja, wir müssen hier lang. Nein, es gibt keinen anderen Weg.“ antwortete Iku.

„Können wir nicht umkehren?“

„Wenn wir umkehren, dann werden diese Persönlichkeiten diese Insel vernichten. Und wenn das geschieht - “ hier sah Iku Herbert aus ernsten Augen an „dann wirst du selbst eine Persönlichkeit werden. Du wirst weiterleben, aber innerlich hohl sein, leer, und du wirst einen immerwährenden Hunger spüren und zerstören, um zu leben.“

Herbert schwieg einen Moment. Dann sagte er: „ Ich verstehe das alles nicht.“

„Ich kann dir nur Erkenntnis, Wissen geben.“ sagte Iku. „Ich kann dir nur sagen, was ist, nicht aber, warum das so ist. Ich kann dir kein Verständnis geben. Verstehen, begreifen mußt du es allein, allein mußt du danach suchen.“

Herbert schwieg wieder. Er verstand das alles immer noch nicht. Aber offenkundig konnte ihm Iku dabei auch nicht helfen. Er sah sich um. Erst jetzt fiel ihm auf, daß auf beiden Seiten der Straße mehrere Reihen gläserner Figuren standen, die alle aus einfachen Körpern wie Würfeln, Quadern, Pyramiden, Zylindern, Kegeln und Kugeln zusammengesetzt waren. Sie hatten solche Größe, daß die Landschaft vollkommen dahinter verschwand, sich auflöste zu einer verwirrenden Farbkomposition geometrischer Figunren. Über ihnen spannte sich nach wie vor ein heller Himmel von unbestimmbarer Farbe.

Plötzlich blieb Iku stehen und hielt Herbert am Ärmel seines Mantels fest. Als Herbert Iku daraufhin fragend ansah, deutete der nur nach vorn. Herbert schaute vor seine Füße und erschrak: sie standen oben am Rande einer gewaltigen Steilküste. Gut 80 Meter unter ihnen wogte der Ozean. Ganz verschwommen war in der Ferne ein anderes Ufer zu erkennen.

„Wir sind am tiefen Graben.“ sagte Iku. „Von hier aus mußt du allein weitergehen. Wie du ans andere Ufer kommst, weiß ich nicht. Aber die Straße der Erkenntnis führt drüben weiter bis nach Höhlenhausen, der Stadt der Emoten. Solltest du einen von ihrem Volk noch am Leben finden, so folge ihm. Er wird dich auf den Pfad des Verstehens führen. Ihr müßt dann den Festplatz finden. Wenn ihr ihn findet, werde ich auch da sein. Dann können er und ich ein Fest feiern, und dabei kannst du diese Insel retten.“

„Ein Fest?“ fragte Herbert erstaunt.

„Ja, ein Fest!“ erwiderte Iku und ein verhaltenes Leuchten trat in seine Augen. „Früher, bevor die Persönlichkeiten in unsere Welt eindrangen, bevor es hier die große Angst gab, früher feierten wir oft Feste. Während dieser Feste stand die Zeit still, und es entstand immer etwas neues, was es vorher nicht gegeben hatte. Du wirst das verstehen, wenn ihr den Festplatz gefunden habt. Jetzt aber lasse ich dich allein. Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe.“

„Ja, aber…!“ rief Herbert. Doch Iku war weg, einfach weg, als habe er sich in Luft aufgelöst.

Herbert wandte sich wieder der Steilküste zu. Eine ganze Weile starrte er gedankenverloren und ratlos auf die Wogen des Meeres, die sich tief unten an gewaltigen Felsen schäumend brachen.

Plötzlich nahm er eine stärkere Bewegung des Meeres wahr. Ein Buckel bildete sich, einer gewaltigen Woge gleich, von dem das Wasser schäumend zu beiden Seiten herunterlief. Dann erhob sich aus den Fluten ein gewaltiger, violett glänzender Leib. Als das Wesen nun seinen Kopf hob, erschrak Herbert nicht wenig: auf irgendeine unheimliche Art kam ihm das Gesicht dieses Wesens bekannt vor, und dieses Erkennen war nicht von angenehmen Gefühlen begleitet.

„Was willst du hier, du kleines Menschlein, du? Sprich!“ rief der gewaltige Koloß.

„Ich…ich…ich will auf die andere Seite.“ sagt Herbert kleinlaut.

„Har!“ lachte der Koloß, der riesige. „Auf die andere Seite will er also, so, so!“

„Ja. Kannst du mir nicht helfen?“

„Har, har, har! Ob ich ihm helfen kann?“ röhrte der Koloß. „Ich bin ein Merube, mein Junge, eine Persönlichkeit, und ich werde dir gleich helfen, Beine werde ich dir machen!“

„Ach bitte, hilf mir doch, ich muß einfach hinüber!“ flehte Herbert.

„Nix da!“ rief der Koloß nur.

Da wurde Herbert wütend. Wie immer, wenn Herbert wütend wurde, ballten sich seine Fäuste und begannen zu zittern. Sein Gesicht lief rot an, die Haare auf seinem Kopf sträubten sich. Tränen standen in seinen Augen, im Magen fühlte er sich schlecht, aber nur einen Moment lang, dann brach es aus der Mitte seines Körpers hervor.

„Du arschblöder lila Wackelpudding!“ schrie er und stampfte bei jedem Wort mit dem Fuß auf die Erde. „Du…du plattfüßiges Monstrum, du! Du Persönlichkeit! Ich will da rüber, hörst du, ich will es!“

Da hob der Koloß seine gewaltige Schwanzflosse und hieb damit auf das Wasser, daß es nur so schäumte und brodelte. Eine gewaltige Woge raste brüllend die Klippen herauf, erfaßte Herbert und riß ihn mit sich in die Tiefe.

Er landete auf dem Rücken des Ungeheuers. Dieses schoß mit ihm durch die Wellen.

„Ich werde dich ersäufen!“ brüllte das Monstrum.

Eine Woge erfaßte Herbert und schleudrte ihn auf den Schwanz der Kreatur.

„Ich erschlage dich!“ schrie der Koloß und hob den Schwanz zum Schlag. Doch der der Schwung dieser Bewegung ließ Herbert hoch in die Lüfte sausen; als kleiner dunkler Punkt am Himmel eben noch zu erkennen, flog er pfeilgeschwind über den tiefen Graben, um wunderbarerweise am anderen Ufer genau auf der Fortsetzung der goldenen Straße der Erkenntnis zu landen.

Glücklicherweise war die Landung nicht besonders hart gewesen; als Herbert sich aufrappelte, stellte er fest, daß er außer einigen Beulen und Schrammen sowie einem Loch im linken Hosenbein nichts abbekommen hatte. Hinter ihm lag der Abgrund. Er ging hin und sah hinunter. Hier ragte die Steilküste nicht ganz so hoch aus dem Meer heraus. Deutlich sah er noch, wie der Koloß von wilden Krämpfen geschüttelt langsam in den Fluten des Meeres versank. Er wird wohl nicht gestorben sein, aber er war für lange Zeit aller Kraft beraubt und würde seine alte Macht nie wieder gewinnen.

Herbert wandte sich um, denn er wollte weiter der Straße der Erkenntnis folgen, wie Iku ihm geraten hatte. So schritt er denn munter auf dem goldenen Band voran, um nach Höhlenhausen zu gelangen.

Nach etwa zwei Stunden war die Straße tatsächlich zu Ende. Schon geraume Zeit vorher hatte er zwei recht große Bäume beiderseits der Straße sehen können, die so etwas wie einen natürlich gewachsenen Torbogen bildeten. Nun schritt Herbert unter ihnen hindurch und befand sich in einem weiten, flachen Tal. Sanfte, von saftig grünem Gras bewachsene Hänge rahmten es ein. Darüber spannte sich ein blaßblauer Himmel. Herbert sah sich suchend um. Hier sollte also Höhlenhausen sein, die Stadt der Emoten. Er konnte aber nichts dergleichen entdecken, so sehr er sich auch bemühte.

„Gut, daß du kommst!“ hörte er da jemanden hinter sich rufen. Etwas erschrocken drehte er sich um und sah sich einem kleinen Männlein gegenüberstehen, kaum größer als er selbst. Es schien etwas außer Atem zu sein vom schnellen Laufen, denn es pustete, schniefte und schnaufte ununterbrochen. „Ich habe dich von oben gesehen und bin schnell hergelaufen. Ich hatte ziemliche Angst, daß du nicht kommen würdest, aber jetzt bist du ja da. Bin ich froh!“

Herbert hörte kaum, was das Männlein sagte, so sehr war er von seiner wundersamen Erscheinung gefesselt. Es war ziemlich rund, vor allem um den Bauch; im Gesicht hatte es eine knollige, rote Nase, der Mund wurde verdeckt durch einen langen, braunen Bart, über den blanken, schwarzen Augen wuchsen buschige Brauen. Das ganze war eingerahmt von einem Wirrwarr krauser, brauner Haare. Auch die Haut des Männleins war braun und recht behaart; auf den Handrücken und den Füßen wuchsen ihm richtige kleine Fellchen. Bekleidet war es nur mit einem hellbraunen Pelz, welcher ihm über die Schultern hing und bis zu den Knien reichte. Vorne war er mit einem schmalen Lederriemen verschnürt. In seinen braunen Haarschopf hatte sich das Männlein lauter rote Blumen gesteckt, die kräftig leuchteten.

„Wer bist du?“ fragte Herbert.

„Ich?“ sagte das Männlein. „Tja, also ich bin Bäuchlin.“

„Hast du hier noch Freunde?“ wollte Herbert wissen.

„Nein, ich bin der letzte von uns Emoten.“ entgegnete das Männlein traurig.

„Also auch hier.“ sagte Herbert leise.

Beide standen und schwiegen. Doch plötzlich richtete Bäuchlin sich auf und sah Herbert aus großen Augen an. „Wieso ‚auch'?“ fragte er aufgeregt. „Warst du bei den Intellganern? Was ist mit ihnen? Lebt da noch jemand? Los, sags, komm, sprich!“

„Ja, Iku lebt noch.“ sagte Herbert.

Bäuchlin fing an zu weinen. „Iku! Mein Freund Iku! Daß der lebt! Gerade Iku!“ schluchzte er.

Herbert war bestürzt über diesen Gefühlsausbruch. „Warum weinst du so, wenn dein Freund lebt?“ fragte er.

„Ich weine, weil ich mich freue, Mensch!“ rief Bäuchlin. „Und ich habe so viele Melodien für ihn und kann sie ihm nicht geben. Und ich muß sie ihm doch geben, weil, wenn ich sie nicht mehr weggeben kann, dann fallen mir keine neuen mehr ein. Ich bin so voll von Musik. Ich habe noch nie so schöne Melodien gehabt. Ich muß sie Iku geben. Dann werden sie auf der silbernen Orgel im diamantenen Dom gespielt. Dann bin ich wieder leer, dann kann es wieder werden!“ Bäuchlin holte tief Luft und lächelte Herbert an: „Warum ich weine, wenn ich mich freue? Ja weißt du denn nicht, daß Lachen und Weinen beinahe dasselbe sein können? Schlimm ist es, wenn einer nur noch lachen oder nur noch weinen kann. Wenn einer nur noch weinen kann, dann ist er voll; voll von Trauer oder vielleicht auch Liebe, Sehnsucht, und er wird erst wieder lachen können, wenn er davon abgibt, wenn er es leben kann, wenn einer da ist, mit dem er es teilt. Anders, wenn einer nur noch lachen kann: sein Lachen wird zur Maske, die seine innere Leere verbirgt, denn er hat Angst vor Berührung. Er wird weinen, wenn ihn etwas berührt, so daß er wieder aufnehmen kann, denn erst dann wird er seine innere Leere spüren. Aber nur so kann er sie füllen. Ich habe geweint, weil ich voll bin von Musik und so lange nichts von ihr abgeben konnte. Nur im Austausch können wir aber lebendig sein. Und nun höre ich, daß Iku noch lebt!“

„Na ja, das verstehe ich schon.“ meinte Herbert nachdenklich. „Aber was ist mit den Meruben, den Persönlichkeiten? Iku hat gesagt, die seien innen völlig leer, und dann müßten sie doch eigentlich immerzu lachen. Aber die, der ich begegnet bin, hat gar nicht gelacht.“

„Bist du sicher?“ fragte Bäuchlin zurück. „Es ist ja auch kein fröhliches Lachen. Wenn Persönlichkeiten lachen, dann zeigen sie alle ihre Zähne und machen etwa so: ‚har, har!'“

Da erinnerte sich Herbert wieder. „Doch, stimmt, so lachen sie.“ sagte er.

„Siehst du,“ gab Bäuchlin zurück, „und auf diese Weise lachen sie immerzu wie alle, die innen völlig leer sind. Die ganze Zeit lachen sie so, während sie an unserer Insel fressen.“ Dann unterbrach er sich und fragte: „Aber sag mal, wie bist du eigentlich über den Graben gekommen?“

Herbert erzählte von seiner Begegnung mit den Meruben.

„So so,“ meinte da Bäuchlin. „Du hast also eine Persönlichkeit besiegt und bist hinübergekommen über den Graben. Das ist gut.“

„Gut wozu?“ wollte Herbert wissen.

„Hat Iku dir nichts von dem Fest erzählt?“

„Doch.“

„Na ja, der Festplatz ist nämlich auch schon aufgefressen worden von den Meruben. Ich habe es vorhin erst gesehen, vom Berg aus.“

„Aber wie sollen wir dann das Fest feiern?“ rief Herbert entsetzt aus.

„Kein Grund zur Sorge.“ beruhigte Bäuchlin ihn. „Wenn du eine Persönlichkeit besiegt hast, dann hast Argalaan, die große Angst besiegt, und dann kannst du auch den Festplatz wiederfinden.“

„Versteh ich nicht!“ sagte Herbert ratlos. „Du hast doch gesagt, der ist weg?“

„Der Festplatz hat manchmal keinen festen Ort. Er kann überall sein oder nirgends. Das kann man nicht verstehen. Das Gute ist, die Meruben verstehen das auch nicht. Du wirst sehen. Wir müssen ohnehin aufbrechen, um Iku zu treffen und das Fest zu feiern. Und zu dem Festplatz gelangen wir über den Pfad des Verstehens.“

„Na gut.“ Herbert fiel noch etwas ein: „Sag mal, wo ist eigentlich deine Stadt?“

„Höhlenhausen? Ja, das ist gar nicht so leicht zu finden, was? Ich zeigs dir, so viel Zeit haben wir noch. Ich kann dir auch einen Tee kochen. Hast du Durst? Oder Hunger?“

Herbert verneinte, denn er stellte fest, daß er weder Hunger noch Durst empfand.

„Na, aber zeigen muß ich dir doch, wo ich wohne.“ bestimmte Bäuchlin. Er ging an Herbert vorbei auf einen Busch zu, der vor einer steilen Böschung stand, und schob dessen dichte Zweige beiseite. Dahinter wurde der Eingang zu einer Erdhöhle sichtbar, verschlossen von einer Holztür, die jetzt von ihm mit einer einladenden Handbewegung geöffnet wurde. Herbert trat ein. Zu seiner Überraschung war es im Innern der Höhle nicht so dunkel, wie er geglaubt hatte. Vielmehr herrschte ein angenehmes Dämmerlicht.

„Komm!“ Bäuchlin reichte Herbert seine Hand und zog ihn hinter sich her. „Setz dich da hin!“

Herbert setzte sich auf ein aus Weidenruten geflochtenes Sofa, auf dem einige wollene Kissen lagen. Bäuchlin ging zu einem dunkelgrünen Kachelofen im hinteren Teil des Zimmers, öffnete darin ein kleines Gittertürchen und nahm ein rotes Holztablett mit einer Kanne Tee, zwei Tassen und einem Töpchen Honig heraus. Dies stellte er alles auf ein niedriges Bambustischlein vor Herbert hin und nahm dann in einem hohen Ohrensessel Platz.

Und nun mußte Herbert nochmal in allen Einzelheiten von seiner Begegnung mit Iku berichten und von seinem Kampf mit den Persönlichkeiten. Eine ganze Weile saßen sie dann noch da und schwiegen beide. Schließlich war es Zeit zum Aufbruch. Sie erhoben sich, Bäuchlin stellte den Tee weg und folgte dann Herbert, der schon vor den Eingang der Behausung getreten war. Draußen war es etwas kühler geworden, aber Herbert fror nicht.

Wiederum schweigend gingen beide eine Zeitlang nachdenklich nebeneinander her. Sie verließen das Tal, dessen grüne Hänge, wie Herbert nun wußte, durchzogen waren von einem ganzen Netz unterirdischer Gänge und Höhlen. Diese Gänge blieben immer dicht unter der Oberfläche, reichten nie tiefer als vielleicht vier, fünf Meter in die Erde hinein. Durch kleine Erdfenster, Dachslöchern gleich, die von außen durch Büsche oder Grasbüschel verborgen wurden, fiel gedämpftes Licht ins Innere. Dieses Netz aus Gängen und Höhlen war Höhlenhausen.

Sie hatten das Tal schon lange hinter sich gelassen, folgten jetzt über den sanft ansteigenden Rücken eines Berges einem schmalen, sandigen Pfad. Zu beiden Seiten wuchs Heidekraut, hier und dort erhob sich eine Kiefer oder ein Wacholderbaum.

„Wo sind wir jetzt?“ fragte Herbert. Ist dies der Pfad des Verstehens?„

„Ja.“ antwortete Bäuchlin leise. „Es war unser Weg zu den Intellganern, bis die Meruben kamen, das Volk Argalaan.“

Erneut schwiegen beide, während sie sich dem höchsten Punkt des Berges langsam näherten. Herbert sah über die flach abfallenden Ebenen zu beiden Seiten hinweg. Ihm war, als wandere er durch längst vergangene Zeiten. Oder durch eine Zukunft, von der er immer schon geahnt hatte, daß sie so sein werde.

Dann erblickte Herbert das Meer. Weit draußen, in violett verschwommener Ferne, sah er die Küsten der Insel. Zum ersten Mal nahm er ihre langgestreckte Form wahr. Deutlich erkannte er den tiefen Graben, der mit wild zerklüfteter Uferlinie die Insel in zwei Hälften zerriß. Und durch einen von der Farbe des fernen Gebirges kaum noch unterscheidbaren Schimmer zeigte sich die Stadt Mathemanth.

Herbert richtete seinen Blick wieder auf den Ozean. „Wie heißt dieses Meer?“ wollte er wissen.

„Überlege; du weißt die Antwort selbst.“ sagte Bäuchlin.

„Woher soll ich das wissen?“ Herbert war ratlos. „Ich war hier doch noch nie.“

„Du weißt es trotzdem.“ wiederholte Bäuchlin. „Achte auf das Meer. Denk an nichts anderes als das Meer.“

Herbert sah wieder angespannt aufs Meer hinaus. Er stellte sich seine großen, geheimnisvollen Tiefen vor, bevölkert von den seltsamsten Wesen, lebend in samtener Dunkelheit.

Da wußte er plötzlich die Antwort. „Elemenaan.“ sagte er bestimmt.

„Siehst du?“ Bäuchlin lächelte ihn an. „Elemenaan heißt in deiner Sprache: die unbekannte Tiefe.“

„Woher habe ich das gewußt?“ fragte Herbert mit großen Augen.

„Die Antwort war in dir.“ antwortete Bäuchlin.

„Das Meer Elemenaan, die unbekannte Tiefe…“ wiederholte Herbert andächtig. „Und wie heißt diese Insel?“

„Schau in dich hinein!“

Herbert musterte die Insel, dann das Heidekraut der näheren Umgebung. Das Gefühl kehrte wieder, sich in einer längst vergangenen Zeit zu befinden oder in schon erlebter Zukunft, und mit jäher Gewißheit entstand die Antwort in seinem Kopf: „Die Insel heißt Ergobaan!“

„Ja,“ erwiderte Bäuchlin, „und Ergobaan heißt: das bewußte Sein. Du weißt aber noch mehr.“

Herbert sah auf einen Wacholderbaum ganz in ihrer Nähe, bemerkte seine sonderbare Form und Farbe.

„Ich weiß, wo wir den Festplatz finden!“ rief er aufgeregt. „Komm mit!“

Herbert lief ein kleines Stückchen auf dem Pfad des Verstehens weiter. Dann fand er, wonach er gesucht hatte. Ein anderer Pfad führte seitlich ab, wand sich durch eine Gruppe Wacholderbüsche. Herbert lief so schnell, daß Bäuchlin ihm kaum zu folgen vermochte. Der Pfad führte zunehmend steiler nach unten; Herbert nahm kaum noch etwas von seiner Umgebung wahr. Dann blieb er tief atmend stehen. Vor ihm dehnte sich ein weites, tiefes, dunkles Tal. Nebelschwaden stiegen dort aus dunkelgrünen Wäldern, krochen weißen, feuchten Fingern und Zungen gleich die Hänge herauf. Herbert stand immer noch und besah sich das stumme Schauspiel.

Nach einer Weile hörte er eine Stimme hinter sich rufen: „Warte, warte, nicht so schnell!“ Es war Bäuchlin, der ihm nicht mehr hatte folgen können.

„Komm weiter, es ist nicht mehr weit.“ sagte Herbert, als Bäuchlin herangekommen war.

Sie gingen jetzt langsamer auf den Rand des Waldes zu. Es war wieder kühler geworden, zudem merklich dunkler. Nebelbänke stellten sich ihnen entgegen, zogen sachte ihre Schleier über sie hinweg, drehten und wanden sich in geheimnisvollen Tänzen. In der Dämmerung schoben sich schwarze Baumstämme an ihnen vorrüber. Zweige knackten unter ihren Füßen, Feuchtigkeit legte sich klamm auf ihr Gesicht.

Etwa eine halbe Stunde lang waren sie durch diesen Wald gelaufen, als es vor ihnen plötzlich ein wenig heller wurde. Gleichzeitig hob sich der Nebel, und sie befanden sich am Rande einer weiten Lichtung. Im Schein der späten Dämmerung sahen sie eine weiße Gestalt: Iku.

Herbert blieb stehen und beobachtete, wie Bäuchlin und Iku langsam, beinahe feierlich aufeinander zugingen. Sie faßten sich mit beiden Händen und sahen sich lange an.

„Iku.“ sagte Bäuchlin schließlich.

„Bäuchlin.“ sagte Iku.

Beide wandten sich von Herbert ab und gingen einige Schritte weiter. In der Mitte des Platzes blieben sie nebeneinander stehen und drehten sich um. Iku hob die Hände und sprach mit klarer Stimme: „Dies ist der Brunnen der Schöpfung.“ Da sah Herbert, daß Iku vor einem Brunnen stand. Er nahm eine Kelle und fuhr fort: „Laßt uns schöpfen sein Wasser und trinken davon.“

„Dies ist das Feuer der Liebe.“ sagte Bäuchlin. Da sah Herbert, daß neben dem Brunnen, vor Bäuchlin, ein kleines, helles Feuer brannte. Bäuchlin hielt die Hände darüber und sprach: „Laßt uns uns wärmen an seiner Glut.“

Herbert satand da wie gebannt, starrte auf die eigentümliche Szene. Er wollte gerade auf Iku und Bäuchlin zugehen, ihnen etwas sagen, als es plötzlich …

… Nacht war. Herbert selbst saß am Boden und blickte in den Sternenhimmel. Der volle Mond sandte silbriges Licht, erhellte den Boden, so daß es aussah, als hätte es geschneit. Der Waldrand blieb im Nebel verborgen. Herbert nah gegenüber saßen Bäuchlin und Iku. Das Feuer und der Brunnen waren verschwunden. Ein mattes Bild streifte seine Erinnerung: Misik, wunderschöne Musik von Bäuchlin, und Iku spielte sie auf der silbernen Orgel im diamantenen Dom, während Bäuchlin fortwährend neue Noten schrieb und sie Iku gab. Herbert sah sich selbst dazu im Tanz wiegen, perlmutterne Blumen wuchsen schimmernd aus dem Boden, leuchteten erst purpurn, dann in allen Farben des Regenbogens, schlugen mit gläsernem Klang aneinander.

„Was ist passiert?“ fragte Iku leise.

„Wir haben das Fest gefeiert.“ gab Bäuchlin ebenso leise zurück.

„Die Zeit hat dabei stillgestanden.“ ergänzte Iku.

„Ist das Fest schon vorbei?“

„Ja.“ sagte Bäuchlin. „Es war ein schönes Fest und es hat auch recht lange gedauert, nur daß du davon nichts merken konntest.“

„Weil die Zeit stillgestanden hat?“ Herbert mußte sich erst an den Gedanken gewöhnen.

„Ja.“ bestätigte Iku und fuhr dann fort: „Du mußt jetzt aber diese Insel retten.“

„Wie?“ fragte Herbert und sah unsicher von einem zum anderen.

Bäuchlin sah Herbert fest an:“ Du mußt dich erinnern, wer du bist.„

Iku hob den Kopf: „Und woher du kommst.“

Herbert musterte die beiden, den Festplatz, versuchte zu verstehen. Hob seinen Blick und schaute lange in den Sternenhimmel. Ruhig strahlten die winzigen, fernen, weißen Lichter, hingen leblos im ungeheuren, schwarzen Raum. Herbert war es, als ob er mitten hineinfiele, Sonnen stoben rechts und links, über und unter ihm vorbei, und eine Ahnung überkam ihn ob dieser ungeheuren Weite; ihm war, als kenne er dies alles, als sei er hier zu Hause. Dann fuhr es wie ein Blitz durch ihn hindurch; er wußte, dies Weltall, dieser Himmel, diese Insel, dies Meer, dieser Graben, dies alles war er. Schmerz erfaßte ihn, Trauer, Freude, jähes Glück; es zerriß ihn förmlich; er stand auf, holte tief Luft und schrie, daß es ihm in den Ohren gellte: „Ich bin Herbert Handikap, und ich komme aus der anderen Welt!“

Sofort erhob sich ein gewaltiger Sturmwind, fuhr brausend durch die Lüfte, riß Herbert mit sich fort. Landsam erkannte er es als das entfernte Brausen des Verkehrs. Das Mondlicht auf dem Boden wurde zu frisch gefallenem Schnee. Herbert stand auf dem Platz am Ende seiner Straße. Das Zirkuszelt war verschwunden; eine alte, schmutzigweiße Plastikplane lag an seiner Stelle auf dem Boden. Der Nebel verbarg die Häuser am Rande des Platzes. Bis zuletzt aber sah Herbert vor sich Bäuchlin und Iku. Als er jedoch genauer hinschaute, wuchsen dort zwei Birken, eine kleine und eine große.

Herbert stand da, die Schultasche in der Hand, und staunte sprachlos.

Die Kirchturmuhr zerriß mit dem Schall ihrer Glocken die Stille. Sie schlug acht. Da fiel Herbert die Schule wieder ein; er nahm die Beine in die Hand und rannte los. Im Laufen erinnerte er sich an die unerledigten Rechenaufgaben. Und mit einem Mal wußte er, was an der furchtbaren Persönlichkeit im tiefen Graben ihm so bekannt vorgekommen war: sie hatte das Gesicht seines Rechenlehrers, und er hatte seine Aufgaben nicht gemacht, weil er sie nicht aus Angst vor diesem Lehrer machen wollte, sondern aus Freude an der Mathematik. Er mochte diesen Lehrer nicht. Bei diesem Gedanken fühlte Herbert eine unbändige Kraft in sich aufsteigen, wie mächtige Musik war es in seinem Innern; er hörte in sich die silberne Orgel im diamantenen Dom, verspürte Lust zu tanzen, Freude am Leben, Mut, Energie, und er begriff, er war nicht mehr der, der er vorher gewesen war. Er würde nie wieder ein schlechtes Gewissen haben, nie wieder Angst, sondern einfach sagen und tun, was er wollte und dachte. Er würde die Kraft haben zu lieben. Und als er sichs genau überlegte, fand er sogar seinen Rechenlehrer ein klein wenig liebenswert.

Herbert Handikap lebt noch heute. Du fragst, wo? Schau in einen Spiegel, dann siehst du ihn.

polyleben/rainer/herbert_handikap.txt · Zuletzt geändert: 29.03.2008 23:44 (Externe Bearbeitung)

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