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Abschaltung Treffenliste

Vor 10 Jahren übernahm ich die Pflege der polyamory.ch Webseite, über die Zeit hatte ich viele gute Kontakte mit Menschen aus aller Welt, besuchte selbst viele der Stammtische und Treffen.
Es wurden immer mehr Treffen, immer weniger erfuhr ich davon, fand auch selbst neben Job und eigenem Leben Zeit, mich mit der notwendigen Musse um die Seite zu kümmern. Unterstuetzung war da, jedoch nicht in einem Masse, die eine umfassende Liste der Deutschsprachigen Treffen benötigen würde.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Liste der Treffen und den Kalender per Ende Juni 2018 einzustellen und zukünftig auf polyamory.de zu verweisen. Der Rest dieser Site bleibt bestehen, sei es als Inspirationsquelle von Besuchern, sei es als Archiv der jungen Polykultur im Deutschsprachigen Raum um die Jahrtausendwende.

Beat Rubischon <beat@0x1b.ch>
polyleben:harser:mainzer_prometheus

Otto Mainzer: "Prometheus"

1989. ISBN 3-87877-325-0. Stroemfeld/Roter Stern

Dieses Buch ist alt. Geschrieben wurde es ein halbes Jahrhundert bevor das Wort Poly mit Amory zusammengesetzt wurde (1935-1949). Allerdings, veröffentlicht wurde es erst, als in Amerika Polyamory schon zu einer Bewegung angewachsen war (1989). Vieles ist historisch, heute wird z.B. niemand mehr verhaftet, weil er „arisches Blut besudelt“ hat, hoffe ich zumindest in Europa. Trotzdem ist es aktuell, denn viele der Gefühlslinien, der Handlungsstränge, die Entwicklungen sind heute im Prinzip noch genau so wiederzufinden. Eine zentrale Botschaft, nämlich die Forderung nach der Entflechtung des wirtschaftlichen Lebens vom Liebesleben, ist heute genau noch wie damals, für die Mehrheit der Menschen eine Utopie.

Es ist kein Buch über Polyamory. Es ist ein Buch über einen Menschen, der aus den Erkenntnissen Freuds und seiner Schüler Konsequenzen zieht. Es ist ein Buch über die Freie Liebe, verstanden nicht im Sinne von „wild durcheinanderschlafen“ (Zitat aus dem Buch, über das Liebesleben in Russland kurz nach der Revolution), sondern von Liebe frei von wirtschaftlichen Zwängen - Liebe die alles enthält: Sex, Freundschaft, füreinander Einstehen, Vertrauen, Loyalität, des Anderen Wachstum zu fördern, bewusst gemeinsame Kinder zu zeugen und groß zu ziehen.

Die Hauptfigur des Buchs, Helmut Brand, trägt deutliche Züge von Otto Mainzer selber: die sexualpolitischen Schriften, die Emigration nach Paris, der Umgang mit den Frauen, und das Ringen um die Verfassung des „Prometheus“. Aber es sind offenbar noch andere Menschen mit hineingemixt: Wilhelm Reich vermute ich, denn die Romanfigur Brand war Psychoanlytiker, lehrte und behandelte in Berlin, engagierte sich für die Verfügbarkeit von Empfängnisverhütung, und verfasste einen freud-kritischen Artikel, der ihn vom Hauptteil der psychoanalytischen Gesellschaft distanzierte. Vielleicht auch Hirschfeld, vielleicht andere, die ich nicht kenne, und natürlich Fiktion, dichterische Überspitzung.

Es ist ein Roman, aber teilweise auch ein Pamphlet, eingebettet sind die wesentlichen Auffassungen Mainzers zur Sexualökonomie (die in reiner Form in „die sexuelle Zwangswirtschaft“ erhältlich sind), eingebettet sind Passagen aus einem wohl unveröffentlichten „Prometheus“ (Selbstbezug!), und „Erschaffung des Menschen“, eventuell sind diese Manuskripte reine Fiktion, obwohl ich es für wahrscheinlicher halte, dass es reale Manuskripte Mainzers selbst waren. Manches liest sich fragmentarisch, genau wie man es bei den Manuskripten der Hauptfigur erwarten würde: Zeitlücken, Stilbrüche usw. .

Es ist die Geschichte eines wunderbaren und erfolgreichen Beginns und eines etappenweisen Scheiterns, bis hin zum Quasi-Tod, eine Textpassage, die die Selbstbezüglichkeit auf die Spitze treibt, und das Schicksal Brands verschwinden lässt. Tröstlich für mich, Otto Mainzer selbst hat überlebt, er ist aus Paris entkommen und hat in New York eine neue Heimat gefunden, bis Anfang der Achtziger gelebt, und Ende der Achtziger kamen noch einige unveröffentlichte Bücher von ihm heraus, es gibt einen Otto-Mainzer-Preis für die Wissenschaft der Liebe. Happy-end also ganz am Ende, in vivo.

Es ist die Geschichte für das Leben nach einem Ideal trotz immenser Widrigkeiten und Verführungen. Der Idealismus ist an einigen Stellen auf die Spitze getrieben, und menschlich sehr hart (die Ablehnung seines Kindes, um nicht in die Ehe-Falle zu tappen mit der Frau, die er am meisten geliebt hat) und rational sehr unvernünftig (als Jude einer Nazi-Frau das Lieben zu lehren, und sich damit in Lebensgefahr brachte, und nur durch das beherzte Eingreifen seiner anderen Geliebten gerettet wurde). Und doch ist der Idealismus im ganzen liebenswert gezeichnet, auch wenn man der Hauptfigur das eine oder andere Mal etwas mehr „Fünfe gerade sein lassen“ wünscht, etwas mehr Realismus. Aber wäre es dann noch der selbe? Das ist übrigens genau das selbe Spannungsfeld, in dem sich Menschen befinden, die heutzutage „Polyamory“ leben wollen.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der die Frauen liebte und begehrte, und der sie das Lieben lehrte, Lieben als selbstbestimmte, aufrechte, unabhängige Menschen. Seine Handwerkskunst als Psychoanalytiker machte ihn zum Frauenversteher, dem die Frauen nicht widerstehen konnten, wenn sie sich einmal auf ihn eingelassen hatten. Und die Frauen liebten ihn dafür, brachten sich in Gefahr für ihn, retteten ihn, richteten ihr Leben neu ein, um seine Ideale weiterzutragen.

Es ist ein Buch über eine Zeit, in der die Freiheit und andere Errungenschaften der Zwanziger Jahre in Krieg, Überlebenskampf, Not und Hunger über den Haufen geworfen wurden, schlechte Zeiten für die Freiheit des Geschlechts. Trotzdem setzt Brand seine ganze Lebenskraft dafür ein und scheitert kläglich. Der Rufer in der Wüste, reibt sich auf und verschwindet schließlich.

Brand hatte keine „polyamoren“ Beziehungen, ihm ging es um die Liebe an sich. Daraus ergab sich zwangsläufig Nicht-Monogamie, denn die Liebe zur einen hielt ihn nicht von der gelebten Liebe zu anderen ab. Wenn es für ihn besser gelaufen wäre, wenn also seine Geliebten nicht monogam geheiratet hätte, gestorben wären, von ihren Eltern eingesperrt worden wären, wenn er nicht hätte fliehen müssen, er hätte sich damit auseinandersetzen müssen, was zu tun ist, wenn die eine Liebe die andere beeinflusst. In Ansätzen war das ja schon da, aber die jeweilige Zeit war immer zu kurz, dass sich da hätte etwas entwickeln können.

Warum sollte man so ein Buch heutzutage lesen? Nun, Otto Mainzer wurde in den Sechzigern wiederentdeckt (Sexuelle Revolution) und wieder vergessen, in den Achtzigern wiederentdeckt (der Druck seiner Unveröffentlichten) und wieder vergessen, am Anfang des neuen Jahrtausends wiederentdeckt (Otto-Mainzer-Preis). Vielleicht sollte man ihn gar nicht vergessen, solange seine Ideale nicht verwirklicht, solange die „sexuelle Zwangswirtschaft“ Normalität, und das freie Spiel der Geschlechter zur Erschaffung von besseren Menschen noch nach Spinnerei klingt.

Warum sollte ein Poly so etwas lesen? Nun, es war ein wichtiger Schritt von der freien Sexualität zur Poly-Liebe, zu erkennen, das die Mensch-Funktion Liebe eben doch nicht so unabhängig von der Mensch-Funktion Sexualität zu verstehen ist. Gut zu wissen, dass es diese Erkenntnis, auch im Sinne von Mehrfachbeziehungen, schon vor langer Zeit gab. Für Otto Mainzer gehörten Liebe und Sexualität untrennbar zusammen, nur wenn beides zusammenkommt, entsteht eine Tiefe, eine neue Qualität, ein neues Menschsein. Das ist durchaus eine Frage, mit der viele Polys ringen, die ja zwischen zwei mächtigen Lagern eingekeilt sind: auf der einen Seite die Easy-Sex-Porno-Prostitution-Swinging-Single-Gesellschaft, und auf der anderen Seite die Konservativ-Familie-Keusch-Treue-Platonischliebe-Frigide-Gesellschaft. Ich selber bin mir nicht sicher, ob die heutigen Bedingungen sooo viel besser sind als für den Helmut Brand, der jedenfalls nie zu hören bekam: „Ja, ja, Freie Liebe, hatten wir alles schon, hat auch nicht funktioniert!“

Es sind die kleinen Geschichten, die mehr oder weniger am Rande passieren, und die sich, genau hingesehen, auch in der heutigen Zeit wiederfinden lassen. Es sind die Gefühle und die Auswirkungen, wenn Brand mit einer Geliebten am Arm, der anderen Geliebten begegnet. Es sind die mutigen Taten der Geliebten für Brand, auch wenn sie nie die Hoffnung haben durften, die einzigen für ihn zu sein. Die kreativen Höhenflüge, die Brand abwechselnd mit Liebeserfahrungen hat. Die unglaubliche Unverfrorenheit des Psychotherapeuten, sich mit der Gattin seines Patienten einzulassen, und therapeutische Empfehlungen nicht ohne Eigennutz auszusprechen - und dieser Patient verzieh ihm und konnte ihm trotzdem achten. Alles Geschichten, die die Liebe schreiben kann, wenn man sie „frei“(-)lässt. Diese kleinen Geschichten und die subtilen Untertöne würden einem fehlen, würde man nur Otto Mainzers „Die sexuelle Zwangswirtschaft“ lesen.

polyleben/harser/mainzer_prometheus.txt · Zuletzt geändert: 03.06.2008 23:50 (Externe Bearbeitung)

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