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Abschaltung Treffenliste

Vor 10 Jahren übernahm ich die Pflege der polyamory.ch Webseite, über die Zeit hatte ich viele gute Kontakte mit Menschen aus aller Welt, besuchte selbst viele der Stammtische und Treffen.
Es wurden immer mehr Treffen, immer weniger erfuhr ich davon, fand auch selbst neben Job und eigenem Leben Zeit, mich mit der notwendigen Musse um die Seite zu kümmern. Unterstuetzung war da, jedoch nicht in einem Masse, die eine umfassende Liste der Deutschsprachigen Treffen benötigen würde.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Liste der Treffen und den Kalender per Ende Juni 2018 einzustellen und zukünftig auf polyamory.de zu verweisen. Der Rest dieser Site bleibt bestehen, sei es als Inspirationsquelle von Besuchern, sei es als Archiv der jungen Polykultur im Deutschsprachigen Raum um die Jahrtausendwende.

Beat Rubischon <beat@0x1b.ch>
polyleben:gentletom58:polyamorie_und_gesellschaft

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Vision einer zärtlichen Gesellschaft

Die sexuelle Revolution ist ein Rohrkrepierer, ein elender Hungerwurm… *zwinker*. Sie geht mir bei weitem nicht weit genug.

Welchen Wert hat es für mein Leben, wenn ich überall nackte Brüste auf Seite 1 bestaunen darf und „heiße“ Filme zur Nachtzeit im TV?

Hey, ich will Sexualität in Verbindlichkeit und Treue in Bezug auf eine oder mehrere Menschen, die ich in irgendeiner Form liebe, LEBEN UND darüber offen reden können und als „normal“ gesehen und anerkannt werden. Auf der Straße, am Arbeitsplatz, im Kontakt mit meinen Kindern und der Familie. Ich möchte Lust mit Menschen leben, ganz einfach weil es sich im Moment stimmig für uns anfühlt – auch ohne Liebe gibt es viele Möglichkeiten, in einer sexuellen Begegnung schöne, wertvolle Momente zu erleben.

Wenn ich durch den Park spaziere, möchte ich mich an Menschen erfreuen dürfen, die ihr Miteinander auch in sexueller Form da leben können, wo sie gerade geschieht, zu zweit oder mehreren, die sich dazu gesellen dürfen, ohne dass jemand wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ Ärger bekommt. Sex geschieht aus unterschiedlichen Motiven: Zärtlichkeit, Liebe, Lust, Spiel, Sinnlichkeit, Genuss, Trieb oder allem zugleich in einem F*beep* - als Einakter sozusagen. Wer darf es wagen, zu be- oder verurteilen, was da gerade geschieht, was „gut“, „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ ist außer den Beteiligten selbst, solange keine körperliche Gewalt erkennbar ist?

Kindern wünsche ich, dass sie offen auf Liebe und Beziehungsleben vorbereitet werden und die, wenn sie das wünschen, dabei sein dürfen, wenn ihre Eltern Sex haben und dabei von ihnen einfühlsam begleitet werden. Ich wünsche mir Eltern, die offen bis ins letzte Detail mit ihren Kindern darüber reden, was zu tun ist, damit Beziehung und Sexualität gelingen können. Wer das lieber nicht wagen möchte, soll Menschen oder pädagogische Organisationen seines Vertrauens in geschütztem Rahmen damit beauftragen können, wenn das Kind der Wahl zustimmt, noch besser: dabei mitwirkt. Ab dem vollendeten 14. Lebensjahr wünsche ich jedem Kind einen Rechtsanspruch auf entsprechende praktische Aufklärung verbunden mit einem Säuglingspflegekurs.

Alten und Kranken wünsche ich, dass sie ihre Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und Sexualität äußern und leben können, anstatt übersehen, ignoriert oder ausgegrenzt zu werden.

Bei meiner Frage, was ich ab heute tun kann, fiel mir ein Text von Jean Liedloff auf: „Jedoch ist es wichtig, die Verwirrung zwischen dem Bedürfnis nach Sex und dem nach Zuwendung, nach einer mütterlichen Art von Körperkontakt – jene Verwirrung, die Ausdrücken wie ‚geile Mama’ zugrunde liegt -, aufzulösen. Ich bin der Meinung, dass mit einer klaren Vorstellung des Unterschiedes und etwas Übung im Trennen der beiden Bedürfnisse ein Großteil mehr Zuneigung und ohne Komplikationen durch sexuellen Kontakt, wenn dieser nicht erwünscht ist, ausgetauscht werden könnte. Das ungeheuerliche Reservoir an Sehnsucht nach körperlichem Trost ließe sich vielleicht beträchtlich verringern, wenn es gesellschaftlich akzeptabel würde, mit Gefährten jeden Geschlechts Hand in Hand spazieren zu gehen, auf dem Schoß anderer Menschen zu sitzen – nicht nur im privaten Kreis, sondern auch in der Öffentlichkeit -, einen verführerischen Haarschopf zu streicheln, wenn einem danach zumute ist, sich frei und öffentlich zu umarmen und seine liebvollen Impulse nur dann zu bremsen, wenn sie unerwünscht wären.“(1)

Seitdem bin ich mit einer herzlichen Umarmung so zufrieden wie früher nach gutem Sex - der ist eine willkommene Zugabe, nach der ich mich sehen kann, aber meine Erfüllung liegt nicht mehr darin.

Gesellschaftlich suche ich Menschen, mit denen ich in einer zärtlich-sinnlichen Gemeinschaft leben kann. Die Aktivisten (sofern es welche geben wird) veranstalten u.a. öffentliche Umarmungs- und Streichelhappenings und andere Aktionen, die geeignet sind, auf Alternativen und moralische Zustände aufmerksam zu machen, die überdenkenswert sind.

Ich weiß, was Du mir sagen möchtest, wenn Du mir sehr, sehr wohl gesonnen bist: „Träum’ weiter“, und ich antworte: „Ja, das werde ich tun und niemals damit aufhören, denn ohne Traum gibt es keine Realität.“

Tom

(1) Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (Verlag C.H. Beck, München 1980/2009, S. 197):

Polycity - eine Vision

Referat zum 50jährigen Bestehen von Polycity Berlin 2063

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

wir heißen heute Abend Menschen aller sexuellen Veranlagungen und Orientierungen willkommen, sofern die damit einher gehenden Praktiken im Wert schätzenden, achtsamen Miteinander geschehen. Besonders heißen wir polyamore Menschen willkommen, kurz „Polies“ genannt. Sie waren es, die mit der Gründung von Polycity im Jahre 2013 durch ihr Lebensbeispiel eine eigene Liebes- und Liebeskultur entwickeln, Überzeugungsarbeit für Polyamory leisten und diese Lebensform als gleich berechtigt in die damalige Gesellschaft integrieren wollten. Polyamory nennen wir „Die Praxis, der Zustand, oder die Fähigkeit, mehr als eine liebevolle sexuelle Beziehung zur gleichen Zeit zu führen, mit vollem Wissen und Einverständnis der beteiligten Partner.“ (Oxford English Dictionary 2006).

Polycity wurde vor einem gesellschaftlichen Hintergrund gebaut, als es - das Wort im Duden, dem damals einschlägigen Referenzwerk der deutschen Sprache, mangels einheitlicher Schreibweise noch nicht gab, - die Lebensform im gesellschaftlichen Bewusstsein als Alternative zum Leben in zweckorientierten Wohngemeinschaften, in monogamen Beziehungen oder als Single kaum bekannt war, - Beziehungspartnern, die im Verlauf ihrer Entwicklung offen und zeitgleich weitere Liebesbeziehungen führen wollten, die moralische Schuld am Scheitern ihrer Erstbeziehung zugewiesen wurden und - Frauen, die mehrere Männer liebten, nicht selten moralisch abwertend als „Schlampen“ bezeichnet und als Bedrohung für monogames Beziehungsglück empfunden wurden, - polyamore Lebensgemeinschaften rechtlich nicht geregelt waren. Dies alles ist heute nicht mehr der Fall. Mehr als einen Menschen lieben zu wollen hat nichts mehr mit Schuld zu tun. Polyamore Menschen genießen den gleichen Respekt wie homosexuelle, und Lebensgemeinschaften haben eine juristische Basis im erweiterten Lebenspartnerschaftsgesetz, wenn die Beteiligten dies wünschen. Insgesamt wird in Polycity eine alternative Lebenskultur der Friedfertigkeit, Solidarität, Zärtlichkeit und empathischer Kommunikation gepflegt.

Heute steht Polycity darüber hinaus für - ein international tätiges Non-Profit-Unternehmen, das mobiles Wohnen an über 50 verschiedenen Orten der Welt in barrierefreien Wohnmodulen mit umfassenden Zusatzdienstleistungen in den Bereichen Einkaufen, Haushaltsführung, Gesundheitspflege und Bildung unter einem Dach anbietet, - eine Heimat für polyamore Menschen, die unter Gleichgesinnten in einer solidarischen Wohn- und/oder Nachbarschaftsgemeinschaft leben möchten, - eine alternatives pädagogisches Konzept, in dem das Leben durch Leben gelehrt wird und die Entwicklung sozialer Kompetenzen Lernschwerpunkt ist, - eine selbstverantwortlich wahrgenommene, solidarische, bürokratielose Sicherungsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit mit Risiko als Alternative zu Versicherungen, eigenen Ersparnissen, staatlicher Vorsorge und Wohlfahrt.

Allgemeines

Die Gemeinschaftsmitglieder erhalten auf Wunsch modular Wohnung und/oder Energie, Solidar- und Clubmitgliedschaft und erbringen dafür im steuerfreien Tauschgeschäft eine Dienstleistung für die Gemeinschaft oder zahlen ein Entgelt. Dienstleistungen werden in einer Hauswährung berechnet und auf Konten gegeneinander verrechnet. Die Bewertung ist so gestaltet, dass ein Mitglied, das 40 Stunden wöchentlich für die Gemeinschaft auf einem mittleren Qualitätsniveau arbeitet, seinen gesamten Lebensunterhalt einschließlich Altersversorgung in der Gemeinschaft finanzieren kann. Das Komfortniveau hängt von der Arbeitsqualität des Mitglieds und der wirtschaftlichen Lage der Hausgemeinschaft ab. Die Solidarmitgliedschaft verpflichtet das Mitglied zur Zahlung eines regelmäßigen oder größeren einmaligen Geldbetrages oder zu Dienstleistungen. Dafür erhält es von der Gemeinschaft bei Bedarf Hilfe in allen Lebenslagen, die es selbst aus finanziellen oder sonstigen Gründen nicht tragen kann. Theoretisch ist so ein Leben ohne Geld in Unabhängigkeit von staatlichen Einrichtungen möglich. Dabei sind die Entfaltungsmöglichkeiten auf das Dienstleistungsportfolio von Polycity beschränkt. Deshalb raten wir jedem Mitglied zu einer zusätzlichen Erwerbsquelle außerhalb des Hauses.

Architektur

In Polycity Berlin leben heute etwa 2500 Menschen aller sexuellen Orientierungen in 1500 Wohnungen auf 50 Etagen. Das architektonische Gesamtkonzept war damals ohne Vorbild: ein ringförmiges Beton/Stahlskelett („Kommode“) kann einzelne, allseits behindertengerechte Wohnmodule („Schubladen“) aufnehmen. Sie können mit einem Fassadenkran herausgezogen und wieder eingesetzt werden. Alle Infrastrukturleitungen kann ein Bewohner mit gesunden Händen leicht und zuverlässig selbst lösen und verbinden. So ist es möglich, innerhalb des Hauses, und, seitdem weitere Polycities entstanden sind, zwischen den Häusern hin- und herzuziehen, und jeder Bewohner kann sein Ambiente mit einem Minimum an Verpackungsarbeiten per Verladung auf Container-LKW’s oder –schiffen mitnehmen. Es gibt ein Kernmodul mit einem sehr kleinen Wohn-Schlafraum und weitere Module, die je nach Lebens- und finanzieller Situation an“geschoben“ und miteinander durchgängig verbunden werden können. Jedes Modul ist ebenso leicht gegen die Nachbarmodule wieder verschließbar und dann auch akustisch getrennt. Auf diese Weise können Wohnungen leicht innerhalb des Hauses ohne Kisten packen umgesetzt, vergrößert, oder verkleinert werden, so dass die Wohnung an alle denkbaren Lebens- und Einkommensverhältnisse angepasst werden kann. Beim Neubau wurde die Ausbaumöglichkeit des Daches berücksichtigt. Später entstand eine Landschaft aus einem 1,50 Meter tiefen Wasserring auf dem gesamten Dach, der von einer geschwungenen, begrünten Uferlinie umsäumt und immer wieder von Rastinseln aufgelockert wird. Auf einer dieser Inseln steht das Penthouse mit einer Personalwohnung, der Wohnung des Geschäftsführers, einem Club für die Gemeinschaftsmitglieder, bestehend aus Theken- und Wohnbereich, Bäderabteilung mit verschiedenen Saunen, Fitnessstudio, einem kleinen Kuschelkino, einer Tanzbar, einer Liebeslounge mit großer Spielwiese und Separees für Paare. Daran grenzt die Dachterrasse mit Teich an, von dem aus man in den Wasserring des Daches schwimmen kann. Eine Glaskuppel auf dem Dach besteht aus zwei Hälften, die so geöffnet können, dass die Dachlandschaft maximal bis zur Hälfte im Freien liegt. Die ganze Konstruktion ist rings um das Dach verschiebbar und als Wind- und Sonnenschutz und –kollektor verwendbar.

Nach außen firmiert die Anlage als Edel-Swingerclub, und ständig halten sich Gemeinschaftsmitglieder und Gäste dort auf. Leer stehende Appartements und Wohnungen werden an Gäste vermietet, die sich abseits ihres Alltags ein paar schöne Tage gönnen möchten. Zweimal am Tag gibt es ein Buffet mit erotisch hergerichteten Speisen. Überall und jederzeit können sich die Menschen nach Herzenslust lieben: Es gibt Musik Tanz, Seminare zu den Themen Beziehung, Liebesleben, Kommunikation und Gesundheit. Von den Gemeinschaftsmitgliedern muss die Anlage nur verlassen, wer das möchte. Wer lieber da bleibt, leistet den Gästen Gesellschaft, gibt Seminare, beteiligt sich an den nötigen Arbeiten und leistet so seinen Gemeinschaftsbeitrag.

Einkaufen und Gesundheitsdienstleistungen

Die Untergeschosse enthalten alles Nötige für den täglichen Bedarf, medizinische und kulturelle Einrichtungen. Das Gesamtangebot aller Dienstleister kann in einem eigenen Internetshop bestellt und in einer Lieferung nach Hause gebracht werden.

Alle Ärzte und Therapeuten führen für unsere bettlägerigen Bewohner Hausbesuche durch. Bei Medikamentenlieferungen wird das Rezept online vom Arzt in die Lieferliste der Apotheke aufgenommen. Der Apotheker zieht das Geld online vom Kunden ein, und das Rezept wird bei Bedarf zusammen mit Medikamenten und Quittung an den Patienten übergeben.

Therapie- und Kureinrichtungen enthält der Clubbereich auf dem Dach des Hauses.

Ein hauseigener Pflegedienst betreut die Bewohner mit Unterstützung von Webcams und hilft da, wo die Bewohner untereinander sich nicht selbst helfen können.

Bildungsdienstleistungen

Erwachsenenbildung

Unsere Angebote sind so vielfältig wie die Ideen unserer Mitglieder. Meist erarbeiten sie die Angebote im Team, weil sie Interesse daran haben und geben das Erarbeitete an Interessierte in Form von Wissens/Erfahrungsvermittlung oder, im kulturellen Bereich, durch Präsentationen weiter. Besonderes Interesse besteht immer wieder an folgenden Themen: - Beziehungen aufbauen und pflegen, - Kindererziehung in Gemeinschaft - sexuelle und Erotik-Workshops (Tantra, SM, Wege zur Lust, Kreativität, Safer Sex, etc.) - Kunst und Erotik (Fotografie, Bodypainting, Zeichnen und malen, Filmen, Schreibworkshops, Theater, u.v.m.) - Gesundheitspflege (Ernährung, Kochen, Bewegung, Meditation, Yoga, Pflanzenkunde und –anbau, Holistic Pulsing, Klassische Massage, Kinesiologie, Selbstheilung)

Jugendarbeit

Hier möchte ich ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft aus eigenem Erleben sprechen lassen, das in der Gemeinschaft aufwuchs: „Wir lernten - achtsam mit einander umzugehen und über unsere Gefühle zu sprechen. Es gab soziale Lernziele, Unterricht in gewaltfreier Kommunikation, Gewaltprävention, - einander in unserer Individualität anzunehmen, - Kompromisse zu schließen, - dass unsere Wahrnehmungen und Gefühle UNSERE persönliche Realität sind und deshalb immer richtig. - gut mit unseren Gefühlen umzugehen, indem wir durch Selbstbeobachtung, Selbstdistanz, Reflektion und Entscheidung Einfluss auf sie nahmen, - treu zu sein ohne uns zu verlieren, - uns abzugrenzen, - wie sich Kameradschaft, Freundschaft, Vertrauen, Treue und Liebe für uns anfühlt - den Wert von Hilfsbereitschaft, - Schrift-, Wort-, Körper- und Telefonsprache in ihren Vor- und Nachteilen kennen und was man wann und wie am besten nutzt, - kreativ mit Holz, Metall und Kunststoff umzugehen, - wie der kybernetische Energiehaushalt von Polycity funktioniert, die Solar-, die Wärmerückgewinnungs-, und die Wasseraufbereitungsanlage - wie Kriege entstehen und wie Macht gemacht und mit ihr umgegangen wird. Hausaufgabentests über die aktuellen Nachrichten gehörten zur Tagesordnung ebenso wie die Analyse, welche Informationen fehlten und in welcher Hinsicht sie zu oberflächlich waren, um sie wirklich zu verstehen, - wie ein Staat, Wirtschafts- und Sozialunternehmen funktionieren, - ein Unternehmen zu gründen und zu führen mit allem, was dazu gehört: Businessplan, Marktanalyse, Personalwesen, Steuer, Buchhaltung, Kalkulation, Marketing und Organisation, - Flirten, Beziehungspflege, Liebes- und Massagetechniken, und die Sexualität derjenigen Kulturen kennen, die in Berlin lebten. Das Interessanteste war natürlich der Liebesunterricht. In den Bereich gehörte auch die Selbstliebe nebst Gesundheitspflege, Safer Sex, Tantra, Hingabe und Dominanz im SM-Kontext, Anatomie, traditionelle und alternative Heilverfahren, Ernährungslehre und Überlebenstraining, - dass Liebe unbegrenzt ist, und dass es möglich ist, mehrere Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht zu lieben, je nach Neigung, - unseren Kindern Eltern zu sein. Pädagogik und pädagogische Psychologie waren Pflichtfächer.

Schon in unserer Pubertät waren wir uns bewusst, warum unsere Eltern und Lehrer so mit uns umgingen, wie sie es taten. Das machte es uns nicht immer leichter, mit ihren Entscheidungen zu leben, aber wir respektierten, verstanden und vertrauten. Die Lebewesen in unseren Seen untersuchten wir erst, nachdem wir, Kanu fahren konnten, einen Tauchkurs oder die Prüfung zum Bootsführer bestanden hatten. Physik erlebten wir, indem wir ein altes Auto oder ein Motorrad restaurierten, den Führerschein machten, und nebenbei erfuhren wir, wie man lackiert und Metall bearbeitet. Grundkenntnisse in Werkzeugkunde und Werkzeugmacherei waren inklusive. Den Nutzen von Elektronik und Programmieren, schätzen wir, weil wir einen Vibrator für unsere Freundinnen bauten, der sich mit einem MC (Mobilcomputer, früher Handy genannt) fernsteuern und mit verschiedenen Stimulationsprogrammen speisen ließ.

Wir hatten auch Unterricht im Klassenzimmer, aber wir waren sehr oft in der Natur unterwegs, konnten sie mit all unseren Sinnen erfassen, statt sie nur im Film oder aus Büchern wahrzunehmen. Die Lehrer hielten unser Interesse mit Geschichten aus dem Sexualleben der Tiere und Vergleichen zur menschlichen Sexualität wach.

Ein Jahr lang waren wir immer wieder auf dem gemeinschaftseigenen Bauernhof am See, entlockten der Erde leckere Früchte, erfuhren etwas über Anbaumethoden, ökologischen Pflanzenschutz, kochten zusammen und übernachteten im Heu.

Als wir soweit waren, gab es – mit Einverständnis unserer Eltern – praktische Liebesunterweisungen durch entsprechend ausgebildete Vertrauenspersonen der Gemeinschaft, und als Prüfung liebten wir unsere Freundinnen und Freunde. Das war meist unser letztes Schuljahr; unser Schullabschluss war eine gigantische 3-Tages-Orgie, und wir wurden in einer feierlichen Zeremonie zu Erwachsenen erklärt. Es war auch das Schuljahr, in dem die meisten sitzenblieben, weil es so viel Spaß machte…

Wenn wir miteinander ein Problem hatten, das wir nicht lösen konnten, gab es Vertrauenspersonen, die wir frei wählen konnten, und keine redete uns nur nach dem Mund, sondern konfrontierte uns auch mit unseren dunklen Seiten von Trotz, Wut und Aggression. Das Lernfach Psychologie gab es nicht – das ganze Leben war ein psychologischer Lernprozess.

Eltern und Erziehung funktionierten etwas anders als üblich. Wir kannten unsere biologischen Eltern zwar, aber sie waren nicht so dominant in unserem Leben; sie hatten nicht unbedingt die Bedeutung wie früher. Im Säuglings- und Kleinkindalter waren sie unsere wichtigsten Bezugspersonen, sicher. Es gab aber einen Stamm von Kollektiveltern, die unsere Betreuung gerne und freiwillig übernahmen, wenn unsere leiblichen Eltern arbeiten oder verreisen wollten. Manche von uns waren genau so häufig bei ihnen wie bei ihren leiblichen Eltern, und wer uns betreute, richtete sich danach, bei wem wir uns am wohlsten fühlten, sofern die Wahleltern unserer Entscheidung zustimmten.

Es gab eine Ganztagesstätte mit Übernachtungsmöglichkeit, aber wir konnten auch bei den Kindern der Gemeinschaftseltern übernachten, wenn wir wollten. Es war ihre Arbeit für die Gemeinschaft, und sie wurden angemessen dafür entlohnt. In der Regel wurde ihnen Miete und Energiekosten im Tauschgeschäft erlassen, so war der Deal steuerfrei.

Meist entschieden wir uns für den Aufenthaltsort, wo gerade das attraktivste „Programm“ geboten wurde, wo es das leckerste Essen oder den spannendsten Film gab. Oder wir gingen dahin, wo am liebevollsten mit uns umgegangen wurde. Ich habe zum Beispiel ein Jahr lang bei einer Stammfamilie gewohnt, weil ein Freund und dessen Vater so tolle Sachen mit technischem Spielzeug bauten. Ich lernte unendlich viel von diesem liebevollen, geduldigen Mann, lernte verstehen, wie Technik funktioniert. Der Mann hat meine Liebe zum Ingenieurberuf geweckt, und das habe ich dann auch studiert. Die meisten von uns kannten auf ähnliche Weise oder aus dem Schulunterricht ihre Talente, und kaum jemand war um seine Berufswahl verlegen.

Andere Kinder der Gemeinschaft lebten die ganze Pubertät über bei ihren Gemeinschaftseltern, weil diese unter Umständen besser mit ihnen umgehen konnten, als die leiblichen.

Ab dem 10. Lebensjahr hatte jeder von uns ohnehin die Möglichkeit, zu wählen, ob er lieber in einer Kleinfamilie bei den leiblichen oder bei Gemeinschaftseltern aufwachsen wollte oder in einem größeren Kollektiv. Das war so eine Art Internat im gleichen Haus mit Familienanschluss. Es war also jederzeit möglich, die leiblichen oder Gemeinschaftseltern zu besuchen und auch mal bei ihnen zu übernachten.

Ab dem 16. Lebensjahr, nachdem die Basisprüfungen der Liebesschule bestanden waren, konnten Freunde und Freundinnen auch einzelne Nächte ohne Eltern in separaten Jugendwohnungen übernachten. Es war das Schuljahr, das die meisten bestanden, weil die Lizenz so begehrt war, und die Wohnungen hatten lange Wartelisten… Es war eher ein Prestigesymbol, in einer Jugendwohnung übernachten zu dürfen – die meisten Eltern hatten ohnehin nichts dagegen, wenn die Jugendlichen sich in ihren Zimmern liebten, und einige hatten ihre Schublade zu diesem Zeitpunkt schon von ihren Eltern gelöst und lebten mit Freund und/oder Freundinnen Wand an Wand in einem anderen Bereich des Hauses. Die haben wir am meisten beneidet… Da konnten wir noch so viel über Gefühle gelernt haben: die durften, und wir nicht. Wir waren neidisch auf andere und damit auch nicht so viel besser als Kinder zu anderen Zeiten. Es gab aber einen wichtigen Unterschied: wir wussten um den Sinn, mit diesen Gefühlen positiv umgehen zu lernen. Wir wussten um den Wert des Loslassens – in der Liebe und unsere Gefühle betreffend.

Insgesamt denke ich heute, dass meine Eltern so ziemlich das bestmögliche für mich getan haben, das zu dieser Zeit machbar war: wir lernten, die Welt um uns zu verstehen und mit ihr umzugehen. Wir lernten fürs Leben, und dafür bin ich dankbar.

Berlin, 2009 Tom

polyleben/gentletom58/polyamorie_und_gesellschaft.txt · Zuletzt geändert: 22.03.2012 13:39 (Externe Bearbeitung)

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