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buecher:ich_lieb_dich_nicht_wenn_du_mich_liebst

Ich lieb' dich nicht, wenn du mich liebst

Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen

von Dean C. Delis, Cassandra Phillips

Ullstein Taschenbuch 13. Auflage 2007

ISBN 978-3-548-36655-5


Buchbesprechung von Rainer

Einseitig zu lieben - wem von uns passierte das nicht hin und wieder? Auch eine polyamore Lebenshaltung bewahrt nicht zwangsläufig davor. Aus diesem Grund interessierte mich das Buch von Dean C. Delis und Cassandra Phillips.

Sehr gut an diesem Buch gefällt mir, daß es sich dem Thema ohne Schuldzuweisung nähert. Im Gegensatz zu vielen Beziehungsratgebern, in denen der - scheinbar - distanziertere Partner einer kriselnden Beziehung aufgefordert wird, seinem Partner gegenüber mehr Nähe zuzulassen (und ihm damit die alleinige Verantwortung für das Gelingen der Beziehung aufgebürdet wird, bzw. die Schuld im Falle des Mißlingens), beschreibt dieses Buch die Tatsache, daß die Partner einer Liebesbeziehung mitunter unterschiedlich stark zu lieben scheinen, als Folge einer der romantischen Zweierbeziehung prinzipiell innewohnenden Dynamik, unabhängig auch von Geschlechterrollen.

Die Autoren wenden sich gegen die landläufige Pathologisierung distanzierter Haltungen zur Liebesbeziehung, sehen die angesprochene Dynamik vielmehr als Folge gegenseitiger unbewußter Reaktionen auf die jeweilige Rolle des Partners: je mehr ein Partner Nähe sucht, die Beziehung bejaht, desto distanzierter verhält sich der andere. Und umgekehrt: je distanzierter sich ein Partner verhält, desto mehr Nähe sucht der andere. Ein Verhalten, in dem beide Partner ihre Rolle abhängig von der des anderen erfüllen, was schnell in den allseits bekannten Abfolgen gegenseitiger Vorwürfe enden kann.

Verläßt man den Erklärungsansatz einseitiger Schuldzuweisungen bzw. Pathologisierungen, so stellt sich allerdings die Frage, wie es denn nun zu den angesprochenen gegensätzlichen Rollen kommt - die Autoren nennen sie die Rolle des/der „Unterlegenen“ und die des/der „Überlegenen“. Sie finden eine Erklärung in dem Wunsch, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten.

Aus der Rolle des Überlegenen ist diese Erklärung leicht verständlich: die Distanzierung bewahrt ihn davor, zum Opfer der Ansprüche und Erwartungen des Unterlegenen zu werden. Komplizierter und schwieriger ist es aus der Rolle des Unterlegenen heraus zu verstehen. Auch dieser wünscht sich ja die Kontrolle über sein Leben zurück. Die Tatsache, daß er sein Gegenüber dermaßen stark begehrt, läßt ihn sein Leben stark bis ausschließlich nach dessen vermuteten Wünschen ausrichten, was erstmal einem Kontrollverlust gleichkommt. „Der starke Drang, eine andere Person für sich zu gewinnen, um sie emotional zu kontrollieren, birgt die Gefahr, eine Beziehung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und das ist so, weil das Gefühl, verliebt zu sein, biochemisch mit dem Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben, verbunden ist.“

Der Unterlegene versucht jedoch, sich auf diese Weise seinerseits liebens- und begehrenswert zu machen und so die Gewißheit der Liebe seines Gegenübers zu erringen. Diese Gewißheit soll ihm dann die Sicherheit verschaffen, die Kontrolle über sein eigenes Leben zurückerhalten zu können.

Wie sicher viele von uns schon leidvoll erfahren mußten, führt dieser Versuch allerdings meist nicht zu dem erhofften Ergebnis. Statt dessen etablieren sich schnell für beide Seiten schmerzliche Teufelskreise aus Flucht und Verlangen. Wie diese zu durchbrechen sind, damit beschäftigt sich in der Folge dieses Buch. Die aufgezeigten Wege und Vorgehensweisen sind zwar in erster Linie für monogame Paare gedacht, doch auch in polyamoren Beziehungen Liebende können daraus ihren Nutzen ziehen, meine ich, denn hier wirken durchaus die gleichen Mechanismen.

Und für den, der über das Wesen der Liebesbeziehung an sich forschen will, bietet dieses Buch interessante theoretische Ansätze: Kontrolle über den geliebten Menschen als Ausdruck des Wunsches nach Kontrolle über das eigene Leben? Ist mononormatives Verhalten dann wiederum erklärbar als logische Folge des Wunsches, diese Kontrolle zu perfektionieren?

Insgesamt ein Buch, das ich auch wegen seiner lebendigen Sprache und lebensnahen Beispiele mit großem Gewinn und Genuß gelesen habe und jedem, der sich ernsthaft auf das Abenteuer der Liebe zu einem anderen Menschen einlassen will, wärmstens empfehlen kann.

buecher/ich_lieb_dich_nicht_wenn_du_mich_liebst.txt · Zuletzt geändert: 13.05.2008 14:53 (Externe Bearbeitung)

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